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Video-Filmkritik : Mutig: „Die zwei Leben des Daniel Shore“

  • -Aktualisiert am

Bild: Kinowelt

Von der tödlichen Begegnung eines Europäers in Marokko erzählt Michael Dreher in „Die zwei Leben des Daniel Shore“. Ein Psychothriller, den es hierzulande eigentlich gar nicht geben dürfte.

          3 Min.

          Ganz am Anfang ist alles schon vorbei. Ein toter Junge liegt auf einer Steinterrasse in seinem Blut, die Musik kreischt und schreit dazu, während die Kamera unseren Blick suggestiv den Sturz vom Dach nachempfinden lässt. Erst am Ende werden wir erfahren, was genau geschah, aber dieses Bild hallt nach im Unterbewusstsein, taucht den ganzen Film in eine bedrohliche Atmosphäre, in eine Stimmung aus Unklarheit und Gefahr.

          Dies ist ein Psychothriller, also etwas, das es gar nicht geben dürfte in Deutschland. Jedenfalls wenn man den „Experten“ der Branche glaubt, die erklären, dass das Genrekino längst tot sei bei uns, dass also Thriller, Horror- und Kriminalfilme, die sich einer vertrauten Form des Erzählens, einer festen Tradition aus Ritualen und Gewohnheiten bedienen, auch Versatzstücken manchmal, nicht mehr möglich seien in einer Landschaft der Autorenfilmer, in der jeder Film seine Sprache neu begründet. Dabei wurde es ursprünglich hier erfunden, schon von Fritz Lang und dann später zum Beispiel von Meistern wie Melville und Rosi auf höchste Ebenen geführt - und auf der Berlinale wird man in der kommenden Woche entdecken, dass das Genrekino zurückkehrt, dass der alte vermeintlich starre Gegensatz zwischen Autorenfilm und Genrekino längst überwunden wird.

          Auch Michel Drehers Film ist ein Beispiel dafür. Ein Vexierspiel, das sich einschreibt in die Seelenkinolandschaften von Polanski und Roeg: Traum und Trauma liegen eng zusammen in dieser Geschichte, die von einem jungen Mann erzählt, der sich schuldig fühlt, verantwortlich für den Tod des kleinen Jungen, der leben würde, hätten sie sich nie getroffen.

          Kalkül und Leidenschaft

          Zu Beginn des Films geht es um Faszination. Für den Orient, fürs Abenteuer, dafür, sich zu verlieren: Der Deutschamerikaner Daniel kommt nach Marokko, in die Hafenstadt Tanger. Gelblich ist das Licht, in das Ian Blumers Kamera die Bilder taucht, und immer wieder schweift der Blick hinaus aufs offene Meer. Man spürt den Wind, man sieht das Europa, das den Einheimischen eine ferne Hoffnung ist, ein gelobtes Land, in das sie wollen, für Daniel aber ein enger, bedrückender Raum, den er flieht. Für Europäer ist Tanger, so scheint es, einer der immer wenigeren Orte, in denen sie noch das Gefühl ausleben dürfen, die Herren der Welt zu sein, so wie früher in ihren Kolonien.

          Der Film lässt einen diese sündige Freiheit spüren, die es für Daniel bedeutet, plötzlich reich zu sein, vom armen Studenten zum Neokolonialisten zu mutieren, der in einer großen Villa wohnt und alle Frauen haben kann. Und Nikolai Kinski ist ein Darsteller, der all dies in sich birgt: den boshaften Dandy, das labile Bürschchen und ein labiles Kind. Manchmal zeigt die Kamera sein Gesicht einfach nur in Großaufnahme, ein Blick, der auch von der Sehnsucht nach einem anderen Kino erzählt.

          Vom prekären Dasein der Europäer im Marokko von heute, von der Überlagerung von Ausbeutung und Gefühl, haben zuletzt schon andere Filme erzählt: der Münchner Filmhochschulabsolvent Dreher selbst in seinen vielfach preisgekrönten Kurzfilmen „Liveschaltung“ und „Fair Trade“, Irene von Albertis „Tangerine“, vor allem aber der Franzose André Téchiné in „Loin“. Wie dort, wie in Renoirs „The River“, ringelt sich auch hier ein paarmal eine schwarze Schlange durch den Garten, und auch diesmal kommt es zum mehrfachen Sündenfall: Daniel hat falsche Freunde, und er verliebt sich in die einheimische Imane (Morjana Alaoui). „Welcome to my world“, sagt sie zu ihm, und Kalkül und Leidenschaft sind immer schwerer auseinanderzuhalten.

          Atmosphäre und Haltung

          Das alles wird im Rückblick erzählt, als Imanes Sohn schon tot ist. Denn das zweite Leben des Daniel Shore findet in einem kalten, tristen, verstaubten, bösen Deutschland statt - ist das später? Oder überhaupt nur geträumt? Mit dieser Frage spielen Regisseur und Film, und zumindest die Gestalten, mit denen diese grauen Innenräume bevölkert sind, wirken so vertraut, verfremdet, dass man an ein Märchen von Kafka denken muss oder an Polanskis „Ekel“ und „Mieter“. Die Auflösung, was genau geschah in Marokko und ob Daniel nun verrückt wird oder nicht, ist für Regisseur wie Zuschauer weniger wichtig als die Atmosphäre, in die das alles getaucht ist, die Haltung, mit der diese Geschichte über Bosheit und Unschuld erzählt wird.

          „Die zwei Leben des Daniel Shore“ ist ein mutiger Film. Ein Film, dem, vor allem zum Schluss, nicht alles gelingt. Aber das, was ihm gelingt, ist spannend genug.

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