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Video-Filmkritik : Misslungen: Oskar Roehlers „Jud Süß“

Bild: Concorde

Mit „Jud Süß - Film ohne Gewissen“ will Oskar Roehler die Propagandabilder des Nationalsozialismus überschreiben. Das misslingt.

          Eine Kriegsnacht in der Reichshauptstadt Berlin. Die alliierten Bomber werfen ihre tödliche Fracht ab, die Flak schießt, Scheinwerfer kreisen. Am offenen Dachfenster eines Hotels stehen ein Mann und eine Frau. Sie ist die Gattin eines Gettokommandanten, er ist der Schauspieler Ferdinand Marian. „Nimm mich, Jude!“, ruft die Frau.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Dann fordert sie Marian auf, den Text zu sprechen, den er in der Rolle des Jud Süß im gleichnamigen Film von Veit Harlan zu sagen hatte. Er gehorcht. Die Frau hebt ihr Kleid und zieht den Schauspieler zu sich heran. Sie lehnt sich weit aus dem Fenster. Die Bomben krachen, die Leiber zucken, der Akt verschmilzt mit der Zerstörung der Stadt.

          Es ist die Szene aus Oskar Roehlers Spielfilm „Jud Süß - Film ohne Gewissen“, die das Publikum auf der Berlinale im Februar am meisten verstört hat. Und es ist die Szene, in der das Konzept von Roehlers Film am besten aufgeht. Der Akt am Fenster ist die perverse Reinszenierung einer Schlüsselszene aus „Jud Süß“, dem Propagandafilm, in dem Veit Harlan das antisemitische Weltbild der Nationalsozialisten in historischen Kostümen durchspielte (F.A.Z. vom 18. September).

          Roehlers „Film ohne Gewissen“ dagegen will eine entlarvende Neuinszenierung der Umstände sein, unter denen „Jud Süß“ entstand und zum Instrument des Rassenhasses und der Massenvernichtung wurde. In Harlans Film vergewaltigt der Finanzrat Joseph Süß Oppenheimer die Frau eines Widersachers und wird wegen „Geschlechtsverkehrs mit einer Christin“ hingerichtet. Bei Roehler wirft sich die Frau des braunen Henkers dem Darsteller des Jud Süß an den Hals. Beide Geschichten, die eine untergründig, die andere offen und aggressiv, kreisen um die sexuelle Anziehungskraft des Mannes in der jüdischen Maske: Ferdinand Marian.

          Weder psychologisch noch historisch plausibel

          „Ich war Jud Süß“ hieß eine Biographie Marians, die vor zehn Jahren erschien. Deren Autor Friedrich Knilli hat sich von „Jud Süß - Film ohne Gewissen“ vorab distanziert: Roehler betreibe Geschichtsfälschung. Das trifft ins Schwarze, aber anders, als Knilli meint, denn die zuspitzende Fiktionalisierung ist gerade Roehlers Absicht. Statt Marians Lebenslauf brav nachzubilden, umstellt er seinen zerrütteten Helden mit symbolischen Figuren. Anna, Marians Frau, ist im Film „Vierteljüdin“ (die echte Anna hieß Maria und war arisch-katholisch); sein Töchterchen Maria ist ein blonder Engel, der mit Unschuldsmiene völkische Totschlagverse aufsagt (in Wahrheit hatte Marians Frau eine Tochter aus erster Ehe, die als „Halbjüdin“ emigrieren musste); und in der Hofbaracke hinter der Familienwohnung haust, bis er denunziert und deportiert wird, Ferdinands jüdischer Kollege Wilhelm Deutscher, der nach dem Krieg zu Marians Nemesis werden wird.

          Sie alle sind ganz oder größtenteils frei erfunden, und erfunden ist auch der Goebbels, den Moritz Bleibtreu spielt. Wer das Vorbild aus Archivaufnahmen kennt, sieht gleich, dass Bleibtreu für die Rolle zu rund ist, zu satt; aber in dieser Sättigung liegt eben der Witz seines Auftritts. Statt sich respektvoll in Dämonie zu hüllen wie Ulrich Matthes im „Untergang“, chargiert Bleibtreu, dass die Schwarte kracht. Sein Goebbels ist ein Schleimbeutel, der selbst an Anna Marian (Martina Gedeck) herumfingert. Die sexualisierte, zugleich ranzig-verklemmte Aura der Nazi-Chargen (Ralf Bauer als Reichsfilmintendant Hippler, Justus von Dohnanyi als Harlan) bildet das Kontrastmittel, das die erotischen Talente Marians um so heller erstrahlen lässt.

          In dieser Figur, die Tobias Moretti mit gehetzter Grazie spielt, liegt ein Grund für das Misslingen des Films. Roehler will uns glauben machen, dass Marian die Rolle des Jud Süß annimmt, um seine Frau zu schützen. Das ist weder psychologisch noch historisch plausibel, denn ein Kinostar des „Dritten Reichs“ kann sich der Rassenpolitik am allerwenigsten entziehen. Annas Verhaftung dient dem Film dann dazu, Marians schlechtes Gewissen, das durch die Jubelfeiern für „Jud Süß“ für kurze Zeit ruhiggestellt war, in tolpatschigen Ausbrüchen überkochen zu lassen, bis Goebbels ihn aufgibt. Weder Moretti noch Martina Gedeck, deren Energie als Charakterdarstellerin hier vergeudet wirkt, können dieser schablonenhaften Wendung Glaubwürdigkeit leihen.

          Mut und erzählerische Feigheit

          Die Klippe jedoch, an der Roehlers Versuch einer moralischen Farce über den Nationalsozialismus endgültig scheitert, ist der Film, von dem er handelt, eben „Jud Süß“. Dessen Einstellungen hat der deutsche Regisseur teils nachinszeniert, teils aus dem Original von 1940, dessen Aufführung noch immer verboten ist, in seinen Film eingeschnitten und digital nachbearbeitet. Aber der künstlerische Umgang mit Propagandabildern ist ein anderes Geschäft als die Geschichte eines missbrauchten Schlagers in Fassbinders Film „Lili Marleen“, der als Vorbild in der Grundidee wie auch in vielen Einzelheiten von Roehlers Film mitschwingt.

          Nicht umsonst gilt Harlans Kostümdrama als Meisterstück seiner Art. Dem schrecklichen Pathos der Szenen, die er aus „Jud Süß“ zitiert, hat Roehler nichts Vergleichbares entgegenzusetzen. Seine eigene Inszenierung wirkt fahrig und auf unglückliche Weise verspielt, etwa dort, wo er einen Truppenbesuch Marians auf dem Gelände des zukünftigen Vernichtungslagers Auschwitz zeigt. Das Massaker an den jüdischen Zwangsarbeitern, das nach der Vorführung des Hetzfilms in der Luft liegt, blendet Roehler aus, weniger um die Nerven des Zuschauers zu schonen, als um den Stab über seiner Hauptfigur nicht brechen zu müssen. Der Mut, ein gefährliches Thema anzupacken, geht in diesem Film mit erzählerischer Feigheit Hand in Hand.

          Nach der Premiere des Films auf der Berlinale forderte die Präsidentin des Zentralrats der Juden, Roehlers Werk zu verbieten. Das ist weder nötig noch richtig. „Jud Süß - Film ohne Gewissen“ zeigt, wie weit das deutsche Kino noch davon entfernt ist, mit den Gespenstern seiner Vergangenheit fertig zu werden. Deshalb muss man ihn sehen. Wenn auch aus keinem besseren Grund.

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