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Video-Filmkritik : Man stirbt nur zweimal

  • -Aktualisiert am

Film-Kritik: "The Wind that Shakes the Barley" Bild: FAZ.NET mit Material von Neue Visionen

Für „The Wind That Shakes the Barley“, einen melancholischen Blick auf die Geburt des Widerstands im Irland der 1920er, hat Ken Loach in Cannes die Goldene Palme gewonnen. Ein ausgezeichneter Film also - und ein nerviger zugleich.

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          Die Frage, ob jemand den Hauptpreis auf einem Festival verdient hat, ist immer müßig. Mal hängt es von der Konkurrenz ab, mal handelt es sich um Kompromisse, und die Tatsache, daß viele der Gewinner schnell vergessen sind, heißt nicht, daß ein Preis wie die Goldene Palme in Cannes bedeutungslos wäre. Mitunter trifft es den Richtigen, auch wenn es gelegentlich der falsche Film ist.

          Ken Loach ist jedenfalls ein Mann, der eine Palme verdient schon deswegen hat, weil er unbeirrt seit vierzig Jahren politisch engagiertes Kino macht, das ja nicht immer so gut angesehen war wie heute. Man kann natürlich einwenden, daß diese Filme oft etwas Ermüdendes haben, weil ihr stetes Ringen um Haltung viel von dem ausblendet, was das Leben sonst noch bereithält. Aber Loach war stets bereit, diesen Preis zu zahlen: Wer überzeugen will, muß den Leuten auf die Nerven gehen.

          Wongs Helden würden noch mehr rauchen

          Daß ausgerechnet Wong Kar-Wai der Jury vorsaß, die „The Wind That Shakes the Barley“ die Goldene Palme zusprach, zeigt nur, daß große Regisseure selten an dem interessiert sind, was ihnen geistesverwandt ist (weil sie das in der Regel selbst besser können), sondern zu dem tendieren, was ihrem Werk diametral entgegengesetzt ist.

          Man könnte schon sagen, daß Loachs Film einen melancholischen Blick auf die Geburt des Widerstands im Irland der zwanziger Jahre des letzten Jahrhunderts wirft. Wo jedoch Wongs Helden deshalb einfach nur noch mehr rauchen würden, da scheuen sie bei Loach keine Konsequenzen, nicht einmal den Brudermord; und wo der eine im Zweifelsfall Trost im Anblick einer unerreichbaren Frau suchen würde, da ist die Geliebte im irischen Bürgerkrieg natürlich kaum mehr als eine Nebenfigur. Genau das nervt bei Loach - und genau das macht ihn so groß: Er stellt seine sozialistischen Ideale gnadenlos über die Liebe. Die meisten anderen machen es andersherum - und dabei kommen ja auch nicht immer tolle Filme heraus.

          Subtilitäten waren noch nie seine Sache

          „The Wind That Shakes the Barley“ - im Originalsong ist die Rede vom „sanften“ Wind, der den Weizen wiegt, aber Sanftheit ist nicht Loachs Ding. Er kommt lieber schnell zur Sache: Britische Soldaten drangsalieren ein paar irische Jungs, und weil einer von ihnen nicht so spurt, wie sie wollen, schlagen sie ihn tot. Als der Held Damien (Cillian Murphy), der eigentlich nach London will, um Arzt zu werden, am Bahnhof erneut Zeuge der britischen Willkür und Gewalt wird, beschließt er, in Irland zu bleiben und sich dem Widerstand anzuschließen. Loach verliert wenig Zeit, und wenn sein Kameramann Barry Ackroyd nicht gelegentlich in der Landschaft schwelgen würde, müßte man sagen, daß die Geschichte ziemlich holzschnittartig beginnt.

          Aber Subtilitäten waren noch nie Loachs Sache. Die britischen Besatzer haben sich damals oft übel aufgeführt - also zeigt es der Brite Loach. Schließlich geht es ja um die irische Perspektive auf die Dinge. Vor dem Vorwurf der Nestbeschmutzung rettet ihn der Umstand, daß auch die Iren nicht zimperlich sind im Kampf gegen die Unterdrücker. Damien etwa lernt schnell, wie man in den eigenen Reihen für Disziplin sorgt. Einen Freund aus seiner Truppe erschießt er eigenhändig, weil er sich nicht an die eigenen Regeln gehalten hat. Natürlich leidet er dabei, und Loach malt die Qualen in aller Deutlichkeit aus, doch wirkt die Art, wie er Gewalt mit Gegengewalt aufrechnet, ziemlich simpel. Auch wenn er Damien später erzählen läßt, wie er der Mutter vom Tod des Jungen erzählen und sie zum Grab führen mußte und wie sie auf dem ganzen Weg kein Wort mit ihm gesprochen und ihm hinterher gesagt habe, sie wolle ihn nie wieder sehen.

          Das ist natürlich verdammt traurig, und die Geschichte wird sich später auf bestürzende Weise wiederholen, aber es ist selbstgefällig, wie der Mord am eigenen Mann zum Preis, den man im Krieg zahlen muß, hochstilisiert wird. Und Cillian Murphy spielt den traurigen Helden als Märtyrer, der einer gerechten Sache nicht nur seine Unschuld opfert, sondern auch seine Prinzipien.

          Rettung in sozialistischer Utopie

          So gesehen, könnte man sagen, daß die Beteiligung der Engländer im Irak-Krieg im Kino bizarr überzogene Formen der Selbstkasteiung hervorgebracht hat, wie Winterbottoms „Road to Guantanamo“ und Loachs „Barley“.

          Und als wäre all das nicht schon grobschlächtig genug, erzählen Loach und sein Drehbuchautor Paul Laverty das Ganze auch noch als Brudergeschichte, in der sich alles über Kreuz wiederholt. Damiens Bruder Teddy (Pádraic Delaney) gehört anfangs eher zu den Hardlinern, aber am Ende ist er auf der Seite derer, die 1921 den falschen Frieden mit den Briten unterstützen, während Damien keine Kompromisse mehr eingehen will. Und so wiederholt sich die schreckliche Geschichte des Films auf eine Weise, die man seinen Feinden nicht wünschen würde. Loach, der nun beide Seiten ans Messer geliefert hat, rettet sich in eine sozialistische Utopie, die vorgibt, als einzige einen Ausweg aus dem Konflikt zu bieten. Kann man so sehen, wenn man Kompromisse nicht mag. Aber auch das hat seinen Preis.

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