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Video-Filmkritik : Macht macht lustig: „Geheime Staatsaffären“

Filmkritik: Isabelle Huppert in "Geheime Staatsaffären" Bild: FAZ.NET mit Material von Copncorde Filmverleih

Schmiergeld regiert die Welt: Claude Chabrols Film „Geheime Staatsaffären“ zeigt, was die französische Gesellschaft zusammenhält. Mit Lust am kleinen Scherz und großem Sarkasmus - und einer strahlenden Isabelle Huppert.

          Allein schon die Namen! Ein großer Spaß! Jeanne Charmant-Killman heißt die Ermittlungsrichterin, eine heilig scheinende Johanna, die mit einem Lächeln auf den Lippen tödliche Stöße gegen korrupte alte Männer führt; Parlebas der Anwalt des Managers, der vom Luxusbüro im obersten Stockwerk in die Niederungen des Gefängnisses stürzt, und Descarts der korrupte Senator; dessen Begriffe von Gesetz und Betrug überhaupt nicht „klar und distinkt“ sind. Auch der Filmtitel changiert zwischen den verschiedenen Sprachen: „L'ivresse de pouvoir“ im Original, der Rausch der Macht, „Comedy of Power“, Komödie der Macht - nur die Variante „Geheime Staatsaffären“ wirkt da ein wenig lustlos und hat sich vom Esprit des Films so gar nicht anstecken lassen

          Peter Körte

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Und welchen Spaß Claude Chabrol und Odile Barski gehabt haben müssen, das Drehbuch zu schreiben, welche Lust am kleinen Scherz und großen Sarkasmus den Film beflügelt, das ist von Anfang an zu spüren. Der Manager wird verhaftet, er muß das Sakko ablegen, dann die Hose, und als er in der Unterhose dasteht, wird das Bild schwarz, und man liest: „Regie Claude Chabrol“. Und wenn Chabrol sagt, er glaube noch immer an den Klassenkampf, dann gibt er diesem Bekenntnis zugleich eine Wendung in den Slapstick, indem er verlangt: „Die Ausgenützten sollten ihre Ausnützer in die Nase kneifen können, um zu schauen, ob Milch oder Blut herausrinnt.“

          Man muß ihr nur ins Gesicht schauen

          Das ist sein Programm, und wenn am Ende auch weder Milch noch Blut, sondern nur Champagner geflossen ist, so ist das Programm deshalb nicht gescheitert. Man muß gar nichts über die Schmiergeldaffäre um Elf Aquitaine wissen, um die bösartig-amüsante Parabel zu sehen. Chabrol hat die übliche Klausel gewählt im Vorspann: „Jegliche Ähnlichkeit mit bekannten Persönlichkeiten wäre, wie man sagt, unbeabsichtigt“, weil er weiß, daß die Karikatur die viel größere Herausforderung ist, an der so viele grobschlächtige Versuche scheitern. Chabrol setzt lieber Kammermusik ein, wenn sie am wenigsten paßt, und kommentiert so auf seine Weise.

          Es gibt keine moralisch privilegierte Position, er schont niemanden, auch die tapfere Ermittlungsrichterin nicht, die selber lernt, was machttrunken heißt. Auch ihr Mann ist kein Opfer seiner Karrierefrau, wenn er sich aus dem Fenster stürzt, er ist ihr einfach nicht gewachsen. Und der einzige, der immer ein amüsiertes Lächeln auf den Lippen trägt, ist Chabrols Sohn Thomas, der den Neffen spielt, der mal pokert, mal Geld mit dem Entwerfen von Kreuzworträtseln verdient und sich über all die Veruntreuungen, Unterschlagungen und Bereicherungen nicht wundert, sondern ihnen ironisch abgeklärt begegnet und lieber ein wenig mit seiner Tante flirtet.

          Das strahlende Zentrum jedoch ist Isabelle Huppert als Madame Killman. Man muß ihr nur ins Gesicht schauen: die aufreizende Ruhe, mit der sie ihre roten Handschuhe ablegt, das verbindliche Lächeln, das sie den Vorgeladenen schenkt, mit dem sie ihnen das Rauchen verbietet und die Hafterleichterung verwehrt; die libidinöse Aufladung, die leichte Erregung, mit der sie ihre eigene Macht zu fühlen beginnt; der maliziöse Anflug im Ton, die fast sadistische Freude beim Anblick der teuren Garderobe, welche der Manager seiner Geliebten gekauft hat, auf Firmenkreditkarte natürlich; die Genüßlichkeit, mit der sie ihrem Vorgesetzten sagt, er solle sich ein paar neue Eier kaufen. Noch im Kampf gegen die aufkeimende Angst, nachdem man die Bremsen ihres Autos manipuliert und ihr Büro durchwühlt hat, bleibt sie gefaßt. Nicht ein einziges Mal fällt sie aus der Rolle, sie brüllt nicht, sie bricht nicht zusammen, als man ihr den Fall entzieht. Jeder Schock ist nur eine Bewährungsprobe für ihre Contenance.

          Kein Auto explodiert - nur ein kleiner verbaler Sprengsatz

          Chabrol läßt dabei Ermittlung und Vertuschung parallel laufen. Gegen Madame Killmans Attacken setzt er die Verteidigungszüge der Manager und Politiker. Und statt einen mit Details zu schwarzen Kassen, Nummernkonten und Geldwäsche zu überfüttern, stilisiert er die heiklen und komplizierten Transaktionen zur hohen Kunst des Betrugs, mit dem ein System sich selbst erhält, und schaut sich um so gründlicher die Charaktere an, die diese Transaktionen durchführen, die von ihnen profitieren und über sie stolpern werden. Das Bauernopfer fehlt dabei sowenig wie die houdinihafte Wendigkeit, mit der mancher den Kopf aus der Schlinge zieht.

          Claude Chabrol ist, man muß das mal sagen, inzwischen 76, und er ist gar nicht müde, gar nicht garstig oder gallig, sondern bester Laune, weil sein Sarkasmus selten ein so ideales Objekt gefunden hat, und er muß auch nicht mehr beweisen, daß er auf der Leinwand spektakuläre Dinge vollbringen kann. Sein Konzept ist klar, der Ton ist unnachahmlich sicher, und wenn jeder politthrillerkonditionierte Zuschauer am Ende heimlich damit rechnet, daß ein Auto in die Luft fliegt, was mitten in der Nacht ja einen hübschen Feuerschein ergäbe, dann läßt einen Chabrol zappeln - und am Ende detoniert ein kleiner verbaler Sprengsatz, den mit soviel Nonchalance nur Isabelle Huppert zünden kann.

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