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Video-Filmkritik : Lust macht gefährliche Wellen

  • -Aktualisiert am

Bild: Alamode Filmverleih

Erotische Untiefen im stillen Wasser: Alain Guiraudies neuer Film „Der Fremde am See“ zeigt die Sexualität als freien Gegenentwurf zu „Fifty Shades of Grey““. Dann stirbt jemand.

          3 Min.

          Der dicke Mann, der in Alain Guiraudies „Der Fremde am See“ tagtäglich seinen Platz auf einem steinigen Ufer einnimmt, hat gute Gründe, niemals ins Wasser zu gehen. Vier Meter lang und mehr sollen die Welse sein, die da unten leben und auf die ein Schwimmer möglicherweise treffen könnte.

          Unschwer ist zu erkennen, dass da auch ein gewisses Maß an Projektion im Spiel ist. Wer in das ruhige Wasser taucht, setzt sich und sein Geschlecht allen möglichen Gefährdungen aus, vor allem solchen der Vorstellungskraft. Dazu zählt auch die Möglichkeit ekstatischer Lust – der große Fisch wäre dann nicht Gefahr, sondern Symbol für das erstarkte Glied.

          Um Sex geht es jede Sekunde

          Und um Sex geht es tatsächlich in jeder Sekunde dieses Films, der sein erstes Rätsel schon mit dem Titel stellt. Denn Guiraudie lässt letztendlich offen, wer der „Inconnu du lac“ eigentlich ist. Im Grunde sind hier alle Fremde, darauf beruht gerade die Logik der Begegnungen unter schwulen Männern, die dieses Seeufer aufsuchen, um einander aufzureißen („draguer“ ist das einschlägige französische Verb). Sie kommen, breiten ihre schmalen Handtücher auf die Steine, legen sich hin, wahlweise gleich nackt oder anfangs noch mit Badehose.

          Und dann beäugen sie einander. Wer dreimal mit demselben spricht, wie es der attraktive Franck mit dem dicken Henri macht, gilt schon als vergeben oder „in einer Beziehung“. Das heißt nicht, dass dadurch ein Gang in die Büsche mit einem anderen Mann ausgeschlossen ist, wie auch diverse andere Formen des Vollzugs möglich sind. Einer der Männer schaut vor allem zu und befriedigt sich selbst, während zwei andere Sex haben.

          Sommerliches Treiben am See

          Es ist vor allem diese erste Hälfte von „“Der Fremde am See““, die als Beobachtung sexueller Mores sehr spannend und zugleich ziemlich komisch ist. Das „Aufreißen“ beruht auf unausgesprochenen Absprachen, die nicht immer vorausgesetzt, allerdings auch nicht expliziert werden können, jedenfalls nicht um den Preis, die Spannung zu verderben. Man bekommt hier den viel lebensnäheren Entwurf zu sehen, zu dem ein Bestseller wie „„Fifty Shades of Grey““ das ordnungsfanatische Gegenmodell einer Lust bildet, die sich zum „Aufreißen“ so verhält wie einstmals Regelpoetik zum Sturm und Drang.

          Erst im zweiten Teil lässt Guiraudie dann die sexuellen Spannungen in andere umschlagen. Ein Mann ertrinkt im See, ohne dass einer der angeblichen Riesenwelse eingegriffen hätte, und ein Inspektor namens Damroder taucht auf und beginnt, Fragen zu stellen. Das sommerliche Treiben, an dem auch der dicke Henri auf seine genügsame Weise teilhaben konnte, wird durch Misstrauen verdorben. Es ist der Alphamann am Strand, gegen den sich dieses vor allem richtet: Michel (Christophe Paou), eine schwule Ikone wie frisch von den Village People, lässt seine Muskeln allzu arrogant spielen.

          Das freie Spiel der Lust

          So mischen sich in das freie Spiel der Lust die alten Muster der Macht und der Zweisamkeit. Für den Film „„Der Fremde am See““ bedeutet das auch, dass er bis zu einem gewissen Grad das Genre wechselt oder sich ein neues zuzieht. Was anfangs die Suggestion einer in vielerlei Hinsicht offenen Form ist, schließt sich zu einem allerdings immer noch eigenwilligen Thriller.

          Dass „“Der Fremde am See““ in Deutschland in die Kinos kommt, hat sicher mit den positiven Reaktionen zu tun, die Guiraudie mit seinem Film in diesem Jahr beim Filmfestival in Cannes hervorrief. Es ist eine verdiente Würdigung für einen Regisseur, der mit seinen idiosynkratischen Provinzfilmen allzu leicht das Etikett „special interest“ verpasst bekommt.

          Die Tücken der Identität

          Doch ist es gerade Teil der sexuellen wie der ästhetischen Politik von Guiraudie, die Rubrizierungen aufzubrechen. Nicht nur haben seine schwulen Helden immer wieder auch Beziehungen zu Frauen (zuletzt in dem tollen „Le roi de l’évasion“, 2009), es geht ihm auch nicht darum, schwuler Identität ein filmisches Schaufenster zu geben.

          Guiraudie steht in jener starken Tradition der Moderne, die Sexualität als eine Grundkraft für immer neue Symbolisierungen sieht. „Der „Fremde am See““ ist gerade erst vor diesem Hintergrund interessant als ein Versuch, den Akt der Lust so voraussetzungsfrei wie möglich werden zu lassen. Und dann doch wieder einzuräumen, dass alles andere ganz genau so und im Endeffekt noch stärker zählt: Keine Transgression führt hinter die Tücken der Identität.

          Der dicke Henri, der sich als gescheiterter Hetero-Swinger zu erkennen gibt, verschränkt immer wieder seine Arme so vor seinem mächtigen Bauch, als könnte man sich die Zumutungen des Begehrens vom Leibe halten wie das Wasser, das er meidet. Ein Trugschluss, den „“Der Fremde am See““ in Missfallen auflöst. Alles andere wäre nackte Idyllik.

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