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Video-Filmkritik: „Like Someone in Love“ : Dieser Regisseur lässt Tokio leuchten

Bild: Peripher

Abbas Kiarostami ist ein iranischer Regisseur unterwegs auf Welterkundung. In seinem neuen Film „Like Someone in Love“ verbindet er das Pathos des japanischen Kinos mit seinem eigenen Erzählgenie.

          Es gibt iranische Regisseure im Exil und iranische Regisseure in Iran. Abbas Kiarostami ist keins von beiden. Er ist ein iranischer Regisseur unterwegs. Seine jüngsten Werke entstanden in Italien und Japan, aber das bedeutet nicht, dass Kiarostami nicht wieder in seinem Heimatland drehen wird. Er hat nur seinen Horizont erweitert. Die Filme, durch die er berühmt wurde, „Wo ist das Haus meines Freundes?“ oder „Der Geschmack der Kirsche“ waren Welterkundungen mit iranischen Darstellern. Die Filmprojekte, an denen er seit fünf Jahren arbeitet, sind Welterkundungen mit europäischen und japanischen Darstellern. Und wie jeder große Regisseur sucht Kiarostami an den Schauplätzen, an denen er dreht, die Spuren seiner Vorbilder: Rossellini und De Sica in der Toskana („Die Liebesfälscher“), Kurosawa und Ozu in Tokio.

          Ein imaginärer Raum

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          „Like Someone in Love“ beginnt in einer Bar: Schummerlicht, ältere Herren, junge Frauen. Eine telefoniert außerhalb des Bildes mit ihrem eifersüchtigen Freund. Erst in der nächsten Einstellung sieht man Akiko (Rin Takanashi), und diese Verzögerung ist typisch für den Film.

          Denn Kiarostami malt kein Porträt von Akiko, die tagsüber studiert und nachts als Callgirl arbeitet, er rückt sie in einen imaginären Raum, in dem sich ein Querschnitt der japanischen Gesellschaft versammelt: ein alter Professor, ein Automechaniker, eine neugierige Nachbarin, ein Expolizist, eine Greisin vom Land. Manche haben nur einen kurzen Auftritt, aber alle gehören zu dem Bild, das dieser Film sich vom heutigen Japan macht, einem ebenso präzisen wie verwischten Bild, wie die Spiegelung, in der Akiko im Schlafzimmer eines ihrer Kunden erscheint. Das Kino kann Impressionismus und Sachlichkeit zusammenbringen, und Kiarostami ist ein Meister dieser Kunst.

          Auf dem Weg zu dem Professor (Tadashi Okuno), der sie für die Nacht bestellt hat, hört Akiko im Taxi die Telefonnachrichten ihrer Großmutter ab, die für einen Tag in Tokio war, und dann sieht sie die alte Frau selbst auf dem Bahnhofsvorplatz stehen, an ein Denkmal gelehnt, müde und resigniert. Dreimal umkreist das Taxi den Platz, aber Akiko steigt nicht aus. Es ist die schönste Szene dieses Films, ein Moment, der das Pathos des großen japanischen Kinos mit Kiarostamis Erzählgenie verbindet, die Familientragödie mit dem Blick durchs Autofenster. Seit „Lost in Translation“ hat Tokio nicht mehr so geleuchtet wie hier.

          Reden und Nähe statt Sex

          Der Professor, stellt sich heraus, legt es nicht auf Sex an, sondern auf Reden und Nähe. So wie auch Akikos eifersüchtiger Freund Noriaki (Ryo Kase) vor allem an der Wahrheit interessiert ist, die er dann aber nicht ertragen kann. Es wird viel geredet in „Like Someone in Love“, und doch ist dies kein Dialogfilm, sondern eine Geschichte der Blicke, ein Spiel zwischen den Perspektiven der Metropole und den engen Räumen, auf die sich das Geschehen zusammenzieht. Die Sache geht schlimm aus, aber vielleicht ist das die einzige Möglichkeit, dieser Enge wieder zu entkommen: indem man buchstäblich einen Stein durchs Fenster wirft.

          „Lately, I seem to walk as though I had wings“, heißt es in dem alten Filmsong „Like Someone in Love“, den Ella Fitzgerald 1957 aufgenommen hat: „Seit neuestem laufe ich, als hätte ich Flügel“. Die filmische Welterkundung des Abbas Kiarostami geht weiter.

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