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Video-Filmkritik : Lebenslinien: Fatih Akins „Auf der anderen Seite“

Bild: Pandora

Ein Regisseur findet seine Stimme: Fatih Akins Film „Auf der anderen Seite“, der als deutscher Oscar-Kandidat nominiert wurde, erzählt eine Geschichte, die zwischen der Türkei und Deutschland pendelt.

          Fatih Akin hat eine Art zu reden, die alles ganz unkompliziert erscheinen lässt, so wirkt es oft auch auf der Leinwand, aber so leicht ist es dann gar nicht. Lass uns das mal „antonionimäßig“ machen, habe der Kameramann Rainer Klausmann zu ihm gesagt, und so schwenkt in der ersten Einstellung die Kamera langsam von einer Tankstelle, irgendwo in der Nähe der türkischen Schwarzmeerküste, zu einer Bude, in welcher der Tankwart sitzt, ein Auto fährt ins Bild, gegen die Bewegung der Kamera. Das muss man gar nicht bewusst wahrnehmen; es gibt eine Bewegung vor, es entzündet eine Spannung, die den ganzen Film und mit ihm die Zuschauer ergreift. Er wird sie noch einmal wiederholen, genau diese Szene, viel später, und man begreift dann erst wirklich, wie perfekt sie eine Stimmung verdichtet.

          Peter Körte

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Diese Spannung, die Bewegung, sie haben natürlich damit zu tun, dass Akins Film, der vergangene Woche als deutscher Oscar-Kandidat nominiert wurde, eine Geschichte erzählt, die zwischen der Türkei und Deutschland pendelt. Genau genommen ist es nicht einfach eine Geschichte, es sind entscheidende Abschnitte im Leben von sechs Menschen, die auf vielfältige Weise zusammenhängen. Der türkischstämmige Germanistikprofessor, der einen Buchladen in Istanbul übernimmt; sein Vater, der im Affekt eine Frau erschlägt; die Tochter dieser Frau, eine politische Aktivistin, die aus der Türkei nach Deutschland flieht; das deutsche Mädchen, das sie kennenlernt und das ihr folgt, als sie an die Türkei ausgeliefert wird; die Mutter des deutschen Mädchens (Hanna Schygulla), die nach dem Tod ihrer Tochter nach Istanbul reist.

          Danke, sehr schmeichelhaft

          Fatih Akin erzählt das nun nicht „antonionimäßig“, auch die Vergleiche mit Fassbinder, die vor allem Hanna Schygulla in die Welt gesetzt hat, oder mit dem 1984 verstorbenen türkischen Regisseur Yilmaz Güney, die aus der türkischen Presse stammen, sind schief. Er erzählt es wie Fatih Akin. Der 34-Jährige hat das Selbstbewusstsein, zu sagen: Danke, sehr schmeichelhaft, aber wer in die Fußstapfen anderer tritt, hinterlässt keine Spuren! Mit diesem Selbstbewusstsein kann er auch die vertrackte Konstruktion, unter der andere Filme zusammenbrächen, anstrengungslos handhaben - kein Charakter ist wichtiger als der andere, jeder ist ihm gleich nah, und aus dem scheinbar zufälligen Gewirr der Lebenslinien entsteht mit der Zeit ein plausibles Muster.

          Es geht um Väter, Mütter, Liebe und Politik, aber es gibt in diesen zwei Stunden allenfalls eine einzige Szene, in der es ein wenig knirscht, wenn in einer deutschen Küche in brüchigem Englisch über den EU-Beitritt der Türkei diskutiert wird. Vor allem aber geht es um den Tod, auch weil Akin seinen Film als Mittelteil einer Trilogie „Liebe, Tod und Teufel“ angelegt hat. Wer ohne die Großbegriffe nicht denken kann, darf auch Motive wie Schuld, Sühne oder Versöhnung herausbuchstabieren, doch Akin ist ein viel zu guter Beobachter der kleinsten Dinge, die seinen Charakteren ihre Wahrhaftigkeit verleihen, als dass solche Begriffe eine Rolle spielten. Statt Themen zu verhandeln, folgt er den Wegen der Handelnden, und er braucht zum Beispiel nur eine kleine Szene, um eine Mutter-Tochter-Beziehung zum Leben zu erwecken. Die Mutter geht in Istanbul dieselbe Straße herunter, vorbei an zwei Schachspielern, und sie grüßt sie mit derselben Geste, wie es ihre Tochter ein paar Monate zuvor tat.

          Berührung im Vorbeifahren

          Nur einmal berühren sich die Geschichten ganz direkt - im Vorbeifahren, die Mutter der Aktivistin und der Professor in der Straßenbahn, die Tochter und ihre Freundin im Auto. Sie sind sich so nah, dass sie sich hätten sehen können, wenn sie sich denn erkannt hätten. Man kann das Schicksal nennen; man kann sich auch damit zufriedengeben, dass Fatih Akin sagt, er habe diese Szene gebraucht, um klarzumachen, dass seine Geschichten eine Weile simultan verlaufen.

          Am Ende steht der Professor am Schwarzen Meer, man weiß nicht genau, was nun werden wird, aber seine Reise ist erst einmal an ein Ende gekommen; das muss genügen, weil jede der sechs Reisen an ihr Ende gekommen ist - im Jenseits oder im Diesseits. Und so sehr sich dieser Film unterscheidet von „Gegen die Wand“, der intimen Geschichte einer Amour fou, so deutlich wird auch, dass Fatih Akin nach eher unentschiedenen Filmen wie „Im Juli“ oder „Solino“ jetzt seine Stimme als Erzähler gefunden hat. In „Auf der anderen Seite“ ist sie so klar, so ausgeprägt, dass man sich ohne weiteres vorstellen kann, dass sie auch in einem anderen Genre, in einer anderen Welt als der türkisch-deutschen nicht an Kraft verliert.

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