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Video-Filmkritik : Lebe lieber leidenschaftlich: „Soul Kitchen“

  • Aktualisiert am

Bild: Pandora

Proll-Märchen von einem intensiveren Leben: Fatih Akins Komödie „Soul Kitchen“ ist eine Hommage an die Freundschaft, griechisches Temperament und den Hamburger Kiez.

          Er habe, ehrlich gesagt, Schiss davor gehabt, was die Leute von ihm, dem Autorenfilmer, dächten, wenn er, nach „Gegen die Wand“ und „Auf der anderen Seite“, mit einer rotzigen Komödie daherkäme, hat Fatih Akin bei den Filmfestspielen in Venedig gesagt. Seine Freunde und er hätten dann aber beschlossen, diese Komödie, „Soul Kitchen“, einfach zu machen; einen Film über Bruderliebe und Freundschaft, griechisches Temperament in hanseatisch-griechischen Restaurants und über die schmutzigen Geschäfte der Immobilienhaie in Hamburg. Der Film wurde nach Venedig eingeladen, der Regisseur reiste mit seiner gesamten Gang an, rief im Treppenhaus des Festivalpalais einmal laut „Yeah“ - und räumte den Spezialpreis der Jury ab.

          Und man ist kaum eine Viertelstunde im Kino, da muss man Fatih Akin eigentlich schon wieder lieben für seinen rauhen Charme, den es sonst im deutschen Kino so eben nicht gibt, für das ganze Gebrüll, den Schlagabtausch der Dialoge und das ungestüme Tempo, mit dem er daherkommt in diesem Film, der nicht mehr ist, nicht mehr sein will als eine Liebeserklärung an den Hamburger Kiez und an Akins alte Freunde; ein Proll-Märchen mit erstaunlich romantischem Ende, das von einem intensiveren und leidenschaftlicheren Leben erzählt und für 99 Minuten ein anderes Lebensgefühl erzeugt, wie es nur das Kino kann. Das reicht. Das ist sogar sehr viel.

          Griechische Gefühlstemperaturen

          Fatih Akin hat hauptsächlich in Hamburg-Wilhelmsburg gedreht, weil Wilhelmsburg ihm heute ein bisschen so vorkommt wie Ottensen vor zwanzig Jahren, wo er lebt: noch ohne schicke Cafés, ohne die hohen Mieten, ohne das, was Stadtsoziologen die Gentrifizierung nennen, die erst diese Woche wieder Thema war, als bekannt wurde, dass die Stadt Hamburg das historische Gängeviertel von einem niederländischen Investor zurückgekauft hat und den Künstlern, die es besetzt hielten, damit eine schöne Genugtuung verschaffte. Fatih Akin wird das sicher gefreut haben.

          Denn um Immobiliengeschäfte geht es in „Soul Kitchen“: Der junge, in Deutschland aufgewachsene Grieche Zinos führt ein Restaurant, in dem es Pizza und Bouletten gibt, Kartoffelsalat aus dem Supermarkt-Eimer und Fischstäbchen aus der Tiefkühltruhe. Er hat eine Freundin, einen ziemlich kalten, blonden Fisch, eigentlich gar nicht seine Temperatur, eine höhere Tochter aus dem Hamburger Bürgertum, die Karriere als „Zeit“- Korrespondentin in Schanghai machen will und der er, ein Grieche eben, sofort hinterherzureisen bereit ist.

          Nur hindert ihn sein Laden daran, immerhin auch ein Teil von ihm, für den er soeben einen größenwahnsinnigen Kochkünstler gefunden hat, welcher das „Soul Kitchen“ in kürzester Zeit in eines der angesagtesten Club-Restaurants der Gegend verwandelt. Zinos will immer noch nach Schanghai, überschreibt das „Soul Kitchen“ an seinen gerade aus dem Gefängnis entlassenen Bruder. Der wiederum verspielt es in einer Nacht an einen zuhälterhaften Immobilienunsympathen. Dann beginnt der Kampf der Rückeroberung.

          Watschen für das Bürgertum

          Und es knallt ordentlich in diesem Film, was zum einen an Birol Ünel liegt, der gerne mal den mit dem Messer werfenden Koch spielt und den Fatih Akin „meinen Klaus Kinski“ nennt. Vor allem liegt es aber an Adam Bousdoukos in der Rolle des Zinos, der, weniger kraftmeierisch als Ünel, in einer Art liebevollen Wucht mit langen Haaren und robustem Körper mühelos Moritz Bleibtreu an die Wand spielt, seinen kriminellen griechischen Bruder, der am überzeugendsten da ist, wo er, ganz Macho-Memme, heulend in der Ecke liegt und Zinos für seine Spielsucht um Vergebung bittet. Heulen kann Moritz Bleibtreu richtig gut.

          Bousdoukos ist Fatih Akins bester Freund. Sie kennen sich seit der fünften Klasse, haben im Unterricht Filmszenen aus „Rocky“ nachgespielt. Für seine Gage in Akins erstem Kinofilm „Kurz und schmerzlos“ kaufte sich Bousdoukos in Ottensen das Restaurant „Sotoris“, das er vor kurzem wieder verkauft hat, sie gehen aber immer noch hin. Und im Grunde ist „Soul Kitchen“, sie haben das Drehbuch zusammen geschrieben, eine Hommage an ihre Freundschaft, die gemeinsame Hamburger Jugend. Eine Aufsteigergeschichte, die dabei beiläufig das Hamburger Bürgertum abwatscht, mit seinen feinen Restaurants, in denen Gäste darauf bestehen, ihre Gazpacho warm serviert zu bekommen.

          Ziel des Aufstiegs kann dieses Bürgertum nicht sein, es geht darum, nicht zu vergessen, woher man kommt. So romantisiert Fatih Akin, der Junge aus Altona, Sohn türkischer Einwanderer, seine Herkunftswelt als laute, leidenschaftliche, mit Liedern von Quincy Jones, Kool & The Gang, Louis Armstrong oder Markos Vamvakaris unterlegte Angelegenheit, in der diejenigen mit dem Herz am rechten Fleck den Sieg davontragen, was so grundsympathisch ist, dass man sich dem auch gar nicht entziehen will.

          Und er beschert der in diesem Jahr gestorbenen Schauspielerin Monica Bleibtreu einen letzten wunderbar-würdigen Auftritt: Bei einer Tischgesellschaft, in der turbulent alle gegeneinander anschreien, haut sie mit der Faust auf den Tisch und schreit: „Ruhe!“ Da ist es, für einen sehr kurzen Moment, ganz still in Fatih Akins neuem Film. (jia)

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