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Video-Filmkritik : Kunst der Verschlüsselung: „It's Winter“

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Bild: Peripher

Besser als durch seine herausragende Filmkunst kann man Iran aus der Ferne kaum kennenlernen. Rafi Pitts' Film „It's Winter“ überzeugt durch die orientalische Leuchtkraft seiner Bilder selbst in der Winterszeit.

          Man muss nicht bis nach Iran gehen, um vom Schicksal gequälte, von der Not gebeugte Menschen zu treffen. Aber kaum eine andere Filmkunst versteht sich mit solcher Intensität als ein Anwalt der „Erniedrigten und Beleidigten“ wie die iranische. Regisseure wie Amir Naderi („Der Läufer“), Majid Majidi („Die Farbe des Paradieses“, „Baran“) und nun Rafi Pitts haben dem Thema des Neorealismus zu neuem Glanz verholfen.

          Pitts, 1967 als Sohn einer iranischen Mutter und eines englischen Vaters in Maschad geboren, hatte die Möglichkeit, im Ausland zu studieren und zu arbeiten. Erste Erfahrungen im Regiehandwerk sammelte er als Assistent von Jacques Doillon bei dessen Goethe-Adaption „Der junge Werther“. Aber für seine eigenen Filme kehrt er jedes Mal nach Iran zurück. 1998 entstand hier sein Debüt „Die fünfte Jahreszeit“, sieben Jahre später „It's Winter - Zemestan“.

          Rückkehr als Krüppel

          „It's Winter“, wie der Film seit seiner Uraufführung im Wettbewerb der vorjährigen Berlinale heißt, ist eine Geschichte von zwei Männern und einer Frau. Sie erinnert an italienische Arbeiten der fünfziger Jahre, folgt jedoch einer Erzählung von Mahmoud Dowlatabadi: Ein Mann, Mohktar, verlässt Frau und Kind, um anderswo Arbeit zu suchen. Er kehrt als Krüppel zurück, doch die Polizei hatte ihn für tot erklärt, und in die ärmliche Hütte ist inzwischen ein anderer Mann, Marhab, eingezogen. Aber auch der will weggehen, weil es für ihn an diesem Ort keine Zukunft gibt.

          Das Rad der Not dreht sich unablässig weiter und überfährt seine Opfer. Einen kurzen Moment nur sieht man das zerfurchte Gesicht von Mohktar (Hashem Abdi), der in einer düsteren Kneipe, wo es weder Tee noch Essen gibt, seine Krücken beiseitegelegt hat, bis er wieder hinaus in die Dunkelheit wankt. Alles Leid scheint diesem erschütternden Antlitz und diesem Blick eingeschrieben. Marhab (Ali Nicksolat) dagegen ist aus einem anderen Holz geschnitzt.

          Fehlende Solidarität

          Nicht auf den Mund gefallen, denkt er keineswegs daran, sich vom Chef der Autowerkstatt, wo er als Mechaniker schlecht oder gar nicht bezahlte Arbeit gefunden hat, grundlos beschimpfen zu lassen. Prompt wird er die Stelle los, und in der modernen Autofabrik nebenan will man ihn nicht einmal anhören. Mit seinem gar nicht leidenswilligen Gesicht könnte er auch in einen Film von Ken Loach passen: ein Mann, der auf seinem Quentchen Glück beharrt. Aber damit passt er schlecht in eine Demut und Stillehalten heischende Gesellschaft. „Jeder hält die Hände verborgen“, beklagt der herzergreifende Gesang aus dem Off die fehlende Solidarität im Gottesstaat.

          Pitts könnte wie manche seiner iranischen Kollegen bei herausragenden Filmemachern des früheren Ostblocks in die Schule gegangen sein, beherrschen sie doch wie sie, nur noch blumiger, die Kunst der Verschlüsselung. Man sollte die Figur der zweimal verlassenen Frau (Mitra Hadjar mit großer, fast wortloser Ausstrahlung) nicht gleich als „Mutter Iran“ überinterpretieren. Das abgelegene Haus nahe den zu Beginn und am Schluss tief verschneiten Bahngleisen kann aber als Metapher für die stehen, die vom wirtschaftlichen Aufschwung des Landes nichts abbekommen. Tagaus, tagein an der Nähmaschine sitzen, das sollte nicht alles sein.

          Unwirtlichkeit der Lebensverhältnisse

          Eine grelle Geräuschkulisse unterstreicht den Eindruck völliger Unwirtlichkeit der Lebensverhältnisse. Die trostlose Szene vom Warten auf die Eheschließungszeremonie im schäbigen Vorzimmer eines Amtes unterstreicht diesen Eindruck auf andere Weise. Und wenn Marhab immer wieder unruhig den Kopf wendet, als er die Frau zum ersten Mal auf der Straße anzusprechen wagt, weiß man, dass die alles kontrollierenden Sittenwächter nicht weit sind. Doch nur wer ein Land liebt, kann an ihm leiden. Pitts liebt es, woher käme sonst die orientalische Leuchtkraft seiner Bilder selbst in der Winterszeit.

          In kleiner Kopienzahl wird „Zemestan“, deutsch untertitelt, in nur wenigen Kinos laufen. Vielleicht sollte der Verleih mehr Mut zeigen, erst recht stünde er den Kinos gut an. Besser als durch seine herausragende Filmkunst kann man Iran aus der Ferne kaum kennenlernen.

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