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Video-Filmkritik : Komödie mit wahrem Kern: „Looking for Eric“

Bild: Delphi

Der Postbote Eric lernt überraschend sein Über-Ich kennen: den berühmten Fußballspieler Eric Cantona. Weil Ken Loach diese Geschichte erzählt, geht es auch um Solidarität unter Werktätigen.

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          Das Ich sei nicht Herr im eigenen Haus, hat Freud ja mal behauptet, um der Selbstgewissheit von freiem Geist und freiem Willen einen kleinen Nackenschlag zu versetzen. Manchmal möchte das Ich aber vielleicht auch gar nicht Herr im Haus sein, und weil es sich allein zu einsam fühlt, sucht es sich einen Mitbewohner, ein Alter Ego, mit dem es spricht, wie Woody Allen in „Mach's noch einmal, Sam“ mit Humphrey Bogart oder James Stewart in „Mein Freund Harvey“ mit einem Riesenhasen. Wer will, kann natürlich auch hier vom Über-Ich reden; sicher ist jedoch, dass man für diese Rolle kaum einen Besseren finden kann als den Fußballer Eric Cantona, erst recht, wenn man selber Eric heißt, Postbote ist und mit Anfang fünfzig in einer tiefen Lebenskrise steckt.

          Peter Körte

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Eric (Steve Evets) hat sich von seinen Freunden überreden lassen, in einer Art Gruppentherapiesitzung das Ich aufzumöbeln, und da ein Riesenposter von Cantona in seinem Zimmer hängt, da er gerne in einem roten Trikot von Manchester United herumläuft, kann seine Wahl nicht überraschen. Wirklich überraschend ist bloß, dass das alles in einem Film von Ken Loach passiert, dem einzigen und letzten Trotzkisten des Kinos, der ein freundlicher älterer Herr von 73 Jahren ist und dessen unbeugsames Eintreten für die britische Arbeiterklasse, für die Erniedrigten und Ausgebeuteten dieser Welt grundsympathisch und niemals peinlich wirkt, ob er nun von illegaler Arbeitsvermittlung erzählt wie in „It's a Free World“ oder vom englisch-irischen Krieg („The Wind that Shakes the Barley“). Das liegt ganz einfach daran, dass Loachs Helden bodenständig sind und nicht wie Politfunktionäre reden, dass er also, um es mal mit Fontane zu sagen, nie Schatten von Menschen für Menschen ausgegeben hat.

          Sein Leben ist ein Chaos

          Das ist auch in „Looking for Eric“ so geblieben. Trotz Cantona muss man von Fußball nichts verstehen, man muss nicht einmal wissen, wer Eric Cantona ist, weil einem der Film das mit ein paar Sequenzen sehr klar macht, mit den schönsten Toren, die der Franzose für Manchester United geschossen hat, in den neunziger Jahren, bevor er seine Karriere beendete und auch ein paar kleinere Kinorollen übernahm, zum Beispiel als französischer Botschafter in „Elizabeth“. Bei „Looking for Eric“ hat er sich sogar als Produzent betätigt.

          So einen Mentor braucht der andere Eric, denn er ist grau im Gesicht, bis zu den Bartstoppeln, und sein Leben ist ein Chaos. Er teilt das Haus mit zwei halbwüchsigen Stiefsöhnen, wobei „Haus“ es nicht trifft, da der Ort eher einer Müllhalde gleicht, in welcher Erics aufgeräumtes Zimmer wie eine einsame Insel wirkt. Dass seine zweite Frau ihn vor sieben Jahren hat sitzenlassen, dass er vor 25 Jahren abrupt seine erste Frau und sein Kind verlassen hat und ihnen nun kaum unter die Augen treten mag, als es um die Betreuung seiner Enkelin geht, dass einer seiner Stiefsöhne Botendienste für einen lokalen Kriminellen übernimmt, würde selbst ein stabileres Ich überfordern - und dessen treue Freunde von der Post auch.

          Ken Loach und sein Kameramann Barry Ackroyd (der auch Kathryn Bigelows „Tödliches Kommando“ fotografiert hat) machen nicht viel Aufhebens. Da ist ein klarer, nüchterner Sinn für Milieu und Topographie, es geht darum, die Dinge möglichst so zu zeigen, wie sie sind, und deshalb stammt das Gros der Schauspieler auch aus Manchester, so dass selbst ein englisches Publikum Untertitel brauchte. Auch die wiederholten Über-Ich-Erscheinungen sind ganz nüchtern inszeniert. Cantona steht plötzlich im Zimmer, setzt sich aufs Bett, zieht am Joint, gibt simple Ratschläge, sich mal zu rasieren oder zu lernen, wie man „Nein!“ sagt, und wenn es ihm zu dumm wird, spricht er eben Französisch.

          Er ist halt Cantona

          Mit seinem Vollbart und Bauchansatz kann der Fußball-Ruheständler auch ruhig simple Sentenzen aufsagen, er ist halt immer noch Eric Cantona. Und das sieht man am eindrucksvollsten in jener Szene, in der sich Eric und seine Freunde Cantona-Gummimasken aufsetzen und für beträchtlichen Sachschaden bei einem sorgen, der das verdient hat. „Looking for Eric“ sei ein Film über Freundschaft, konnte man lesen, aber das ist bei Ken Loach natürlich nicht nur Tresenromantik und sentimentale Erinnerung an bessere Zeiten, es ist zugleich eine Solidarität unter Werktätigen. Und wenn Cantona als seinen größten Moment den Pass bezeichnet, den er auf Ryan Giggs schlug, „weil man seinen Mitspielern immer vertrauen muss“, ist das nicht eine mit heiligem Ernst ins Existentielle übertragene Fußballweisheit. Dafür ist der Film zu sehr Komödie; aber er ist eben auch nicht so besinnungslos lustig, dass sich der Wahrheitskern einfach weglachen ließe.

          Loachs Film ist, so nah er auch an die sozialen Brennpunkte kommt, allerdings eher moderat, er hätte schon mehr von Cantonas Temperament vertragen können, bei dem Jähzorn und Genialität auf dem Fußballplatz oft bruchlos ineinander übergingen, dessen Spielintelligenz mit einem fatalen Hang zum Blackout gekoppelt war, was seine Karriere in Frankreich beinahe beendet hätte und was seiner Beliebtheit bei den britischen Fans nicht im mindesten geschadet hat. Bei Ken Loach ist er ein guter Geist, der es auch mal krachen lässt - und ruhig ein bisschen rätselhafter hätte bleiben dürfen. Denn als Cantona, nachdem er einen pöbelnden Fan am Spielfeldrand mit einem Kung-Fu-Tritt zum Schweigen gebracht hatte, 1995 für ein halbes Jahr gesperrt wurde, trat er vor die Presse und sagte in seinem lustigen Englisch: „Die Möwen folgen dem Fischkutter, weil sie erwarten, dass Sardinen ins Meer geworfen werden. Vielen Dank!“

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