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Video-Filmkritik : Kitsch und Vergewaltigung: „Anonyma“

Bild: Constantin

Max Färberböcks „Anonyma“ beruht auf einer bekannten literarischen Vorlage, die von den Massenvergewaltigungen deutscher Frauen durch russische Soldaten nach dem Ende des Weltkriegs erzählt. Doch Färberböck stellt die Vorlage bloß und endet in groben Klischees.

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          Der russische Soldat, der die Autorin am 28. April 1945 vergewaltigt, ist „ein älterer Mensch mit grauen Bartstoppeln, er riecht nach Schnaps und Pferden“. Um nicht zu schreien, beißt die Frau die Zähne zusammen und schließt die Augen. „Auf einmal Finger an meinem Mund, Gestank von Gaul und Tabak. Ich reiße die Augen auf. Geschickt klemmen die fremden Hände mir die Kiefer auseinander. Aug in Auge. Dann lässt der über mir aus seinem Mund bedächtig den angesammelten Speichel in meinen Mund fallen.“

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Eine Qualität, vielleicht die wichtigste, des Buches „Anonyma - Eine Frau in Berlin“ - das 1959 erstmals in Deutschland erschien und 2003 bei seiner Neuauflage in der Anderen Bibliothek wiederentdeckt wurde - besteht darin, dass es ein Bericht in Schichten ist. Die erste Schicht entstand vom 20. April bis zum 22. Juni 1945 in Form von Notizzetteln und hastigen Aufzeichnungen in einer Kladde. Die zweite Schicht ist ein im Sommer 1945 angefertigtes Typoskript, in dem die stichwortartigen Notate - „VG“ für Vergewaltigung, „Schdg.“ für Schändung - ausformuliert sind. Die dritte Schicht ist die von dem Journalisten Kurt Marek (als Erfolgsautor C. W. Ceram), einem Freund der Verfasserin, an einen New Yorker Verleger geschickte Druckversion, deren Übersetzung im Herbst 1954 in Amerika erschien.

          Ein subjektiver Blickwinkel

          Alle drei Entstehungsphasen klingen in diesem Buch zusammen wie ein Akkord: das Erlebnis selbst, seine Schrift- und seine Veröffentlichungsform. Man kann es auch so sagen: Gerade weil die Erfahrung, von der „Anonyma“ erzählt, so gründlich bearbeitet, weil sie in der Erinnerung noch mehrfach durchlitten wurde, wird sie in all ihrer Grausamkeit sichtbar.

          Wie soll ein Film mit dieser Vorlage umgehen? Max Färberböck, der Regisseur von „Anonyma“, hat, wie er sagt, die erste Fassung seines Drehbuchs aus russischer Perspektive geschrieben. Warum? „Weil die Widersprüche in der Roten Armee enorm und nicht Hunderttausende Soldaten Schänder und Mörder waren.“ Wenn man den Firnis politischer Korrektheit abkratzt, kann man in diesem Satz ein Bemühen um Objektivität erkennen. Aber objektiv ist das Tagebuch der Anonyma gerade nicht. Im Gegenteil, je genauer es den Ausnahmezustand und die Massenvergewaltigungen des Kriegsendes und der ersten Friedenstage in Berlin schildert, desto subjektiver wird sein Blick. „Wie vom Sirius her“, schreibt die Erzählerin, nähme sie „gewisse Worte und Dinge“ in den Mund. Es ist ein sich selbst fremdes, fernes und böses Gestirn, von dem aus sie die Welt ringsum betrachtet und beschreibt.

          Objektive Klischees statt subjektiver Einsichten

          Deshalb ist es keine Frage des Stils, wenn die Autorin die Fahrräder auf der Straße „rasseln“ hört, denn sie fahren auf den nackten Felgen; durch das Abmontieren der Reifen schützen die Besitzer ihr Gefährt davor, von den russischen Soldaten „beschlagnahmt“ zu werden. Und es ist auch nicht gleichgültig, wenn Anonyma erst einen Major kennenlernt, den sie zu ihrem Beschützer macht, und danach einen Oberleutnant, der mit ihr Französisch spricht. Max Färberböcks Film zieht beide Figuren zu einer zusammen. Das ist seine Vorstellung von Objektivität.

          Wie weit man mit dieser Strategie kommt, zeigt der Anfang von „Anonyma“. Man sieht Artillerie-Einschläge, Häuserruinen, wild gestikulierende deutsche Soldaten und fliehende Zivilisten, darunter eine blonde Frau im blauen Mantel. Die Frau in Blau entkommt in einen Keller, das Licht geht aus; als es wieder hell wird, sind die Russen da. Es ist ein von Eichingers „Untergang“ abgezweigter Erzählstrang, mit derselben Bild- und Tonsprache, denselben Endkampfköpfen, nur ohne Führerbunker.

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