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Video-Filmkritik : Kinder des Atomzeitalters: „X-Men: First Class“

  • -Aktualisiert am

Bild: Twentieth Century Fox

Mutanten müssen den sozialverträglichen Umgang mit ihren sonderbaren Kräften lernen. „X-Men: First Class“ erzählt sehr gelungen die Vorgeschichte der Superhelden-Erfolgsreihe.

          2 Min.

          Für lange Sekunden fühlt man sich in einen Film der Sechziger versetzt. Die Leinwand faltet sich auf, öffnet immer neue Bilder, die durch schwarze Rahmen in drei Streifen oder unterschiedlich große Rechtecke unterteilt sind. Diese Rahmen sind immer in Bewegung, sie vergrößern und verengen, schneiden Bilder entzwei, oder verknüpfen sie durch ihr Verschwinden.

          Dies sind virtuose Kinomomente voller Eleganz und Musikalität. Die Rahmen sind keineswegs als Anspielung auf Comic-Bilder gemeint, vielmehr darf man sie als Verbeugung vor der im Sechziger-Jahre-Kino kurze Zeit modischen, dann leider fast verschwundenen Splitscreen-Technik verstehen, die etwa der „The Thomas Crown Affair“ einen eigenen Charme verleiht.

          Diese Sequenz, immerhin mehrere Minuten lang, erzählt von der Erziehung der „X-Men“. Er spielt in der Schule des Charles Xavier, der bald nur noch „Professor X“ heißen wird. In Comic und Film ist das der Ruhepol und Rückzugspunkt der Handlung, hier ist es der Ort der Initiation - wie im Grunde jede Schule der Schauplatz eines Optimismus, der an die Verbesserungsfähigkeit des Menschen durch Bildung und Erziehung glaubt. Hier lernen junge Mutanten den sozialverträglichen Umgang mit ihren sonderbaren Kräften, die ihnen selbst unheimlich und fremd sind, ebenso wie das Akzeptieren des eigenen Andersseins.

          „X-Men: First Class“ ist ein Prequel zu den drei „X-Men“-Filmen. Die ersten beide, von Bryan Singer inszeniert, gehören zu den besten Comic-Verfilmungen überhaupt. Nach dem künstlerischen Flop des dritten ist Singer nun wieder an Bord, diesmal als Produzent. Gemeinsam mit ihm erzählt Regisseur Matthew Vaughn in dem neuen Film, wie alles begann.

          Zusammenleben unterschiedlicher Lebensformen

          Mutanten. Freaks. Davon handeln die „X-Men“, in zahllosen episch verzweigten Marvel-Comics seit den frühen Sechzigern und in mittlerweile fünf Kinofilmen seit dem Jahr 2000 (“X-Men Origins: Wolverine“ von Gavin Hood mitgerechnet). Ihre Helden sind Außenseiter, „Andere“, die aussehen wie Menschen, aber durch irgendeine, gar nicht immer leicht bemerkbare Besonderheit unterschieden sind. Diese Mutanten verfügen über - jeweils individuell höchst verschiedene - übermenschliche Fähigkeiten, wobei jede Mutation auch mit spezifischen Schwächen verbunden ist.

          Das Grundszenario jeder Story dreht sich also um Fragen des sozialen Zusammenlebens unterschiedlicher Lebensformen - „X-Men“, mit seiner Vervielfältigung des Heroismus in den letzten Dekaden viel erfolgreicher als die verklemmten Einzelgänger Spider-Man und Batman, mit dem 1989 die immer noch andauernde Welle der Comicverfilmungen begann, ist zutiefst liberale und humanistische, den Individualismus feiernde Fantasy.

          Liberale Mythologie als Gegenentwurf

          Gerade im politischen Kontext der Bush-Ära mit ihrer Terror-Paranoia und der massiven Einschränkung von Bürgerrechten erschien die liberale Mythologie der „X-Men“ als Gegenentwurf. Zudem ist der Stoff durch direkte historische Verweise auf Judenverfolgung und Kommunistenhatz in der amerikanischen Freiheitsgeschichte verankert.

          Die X-Men sind also in jeder Hinsicht Kinder des Atomzeitalters; „X-Men: First Class“ spielt nun in den Jahren der Präsidentschaft John F. Kennedys, also etwa in dem Moment, in dem der amerikanische Traum seine Unschuld verlor. Dafür steht die Freundschaft zwischen Charles „Professor X“ Xavier und Erik „Magneto“ Lehnsherr. Sie wird später in tiefe Rivalität münden, aber in diesem Film stehen beide noch zusammen: In der Kuba-Krise 1962 wird der Atomkrieg verhindert und ein Mengele-artiger NS-Arzt (Kevin Bacon) besiegt.

          Neben dem Charme der Retro-Ästhetik, die mitunter Erinnerungen an Kubricks „Dr. Seltsam“ aufkommen lässt, ist die schönste Überraschung dieser verjüngten X-Men die Begegnung mit einer ganzen Darstellerriege: Natürlich hat man James McAvoy (Xavier) und Michael Fassbender (Magneto) schon gesehen, aber noch nie so gut, und auch bei Rose Byrne kann man auf weitere Karrieresprünge wetten. So verbindet dieser Film Schauwerte mit Tiefgang, Action mit Intelligenz - was will man mehr vom ersten Blockbuster des Sommers?

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