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Video-Filmkritik : Katastrophe unter Menschen: „An einem Samstag“

Bild: NFP

Aleksandr Mindadzes Spielfilm „An einem Samstag“ erzählt von der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl und welche Bedeutung sie für die Menschen hatte, die in der Umgebung wohnten.

          4 Min.

          Das hätte der Film der Stunde werden können, „An einem Samstag“ von Aleksandr Mindadze. Doch auf der Berlinale kam er scheinbar einen Monat zu früh, und in die Kinos kommt er nun scheinbar einen Monat zu spät. Es wäre der Film für den 11. März gewesen, für jenen Tag, als in Fukushima die atomare Kernschmelze anfing und anfangs noch niemand wahrhaben wollte, was sich dort abzuspielen begann.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Immerhin wurde „An einem Samstag“ in den beiden Wochen danach vereinzelt in Deutschland voraufgeführt, doch den flächendeckenden Kinostart hat der Verleih auf der Woche vor dem 26. April belassen, dem fünfundzwanzigsten Jahrestag der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl.

          Das durfte man für eine gute Idee halten, denn Mindadzes in russisch-ukrainisch-deutscher Koproduktion entstandenes Werk widmet sich einem einzigen langen Tag: ebendem 26. April 1986. Als die Nacht dem Tag weicht, ist im Reaktorblock 4 von Tschernobyl bereits die Hölle los, doch die erwachende Bevölkerung im nahe gelegenen Städtchen Prypjat ahnt davon nichts. Nur die Besatzung des Kraftwerks sieht, was sich abspielt, und einer von ihnen ist Valerij, an den sich die Kamera von Oleg Mutu klebt, als wäre dieser Mann magnetisch.

          In den ersten Minuten des Films, wenn wir mit Valerij durch die Gänge des Kernkraftwerks in die Schaltzentrale eilen, mal auf Kopfhöhe, mal auf Fußhöhe, durch seine Augen den Feuerschein wie Morgenrot in der Ferne sehen und dann auf einen Parteisekretär treffen, der auf alle Schadenmeldungen nur zu brüllen weiß: „Dieser Reaktor ist pannensicher“ - da werden Tempo, Tonfall und Blickwinkel für die folgenden anderthalb Stunden gesetzt. Sie sind atemlos, fassungslos und radikal subjektiv. Die Kamera folgt nicht nur Valerij, sie ist wie er, und das ist ein Erlebnis.

          Das unsichtbare Inferno der Strahlung

          Alles, was die Kamera uns zeigt, könnte Valerij auch sehen. Er ist unser Cicerone durch ein Inferno, das unsichtbar bleibt, weil noch niemand die Strahlung spürt. Nur ein Begleiter des Parteisekretärs, der ahnt, was hier geschieht, lässt sich auf dem Weg zum Reaktorblock 4 aus dem fahrenden Auto fallen. Valerij aber bleibt drin sitzen und tut einen Blick in die Seele des Atoms, in den Reaktor.

          Von da an weiß auch er, dass keine Hoffnung mehr bleibt für Prypjat und den Menschen nur schleunige Flucht. Mit dem Tageslicht kommt er in der Stadt an und sucht Vera. Über sie wissen wir noch nichts, und sie weiß auch noch nichts, schließt sich aber trotzdem Valerij an, der mit ihr zum Bahnhof läuft, an fußballspielenden Kindern und an am freien Samstag herumschlendernden Passanten vorbei, schneller als ein Leistungssportler, den sie beim Training überholen, es ist, als ob man Buster Keatons Rastlosigkeit über neunzig Jahre in die Gegenwart gerettet hätte, und wie in einer Stummfilmkomödie bricht kurz vor dem Ziel ein Absatz an Veras Schuh, ein lächerlich kleiner Unfall, doch beide verpassen dadurch den lebensrettenden Zug. Danach fährt keiner mehr.

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