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Video-Filmkritik : Kampf gegen die Technik: „Stirb langsam 4.0“

Bild: Fox

Schonungsloser Körpereinsatz gegen die Macht der Passwortknacker: Bruce Willis muss als John McClane wieder die Welt retten. An seiner Seite steht ein junger Hacker. Wer von beiden sieht im Film wohl älter aus?

          3 Min.

          Anders als bei Harry Potter wissen wir, dass John McClane nicht sterben wird, selbst langsam nicht. Auch sonst wissen wir eigentlich alles über ihn, jedenfalls die unter uns, die sich daran erinnern, was 1988 war. Seit er damals, dann erneut im Jahr 1990 und schließlich 1995 in den ersten drei Folgen der „Stirb langsam“-Serie als Polizist mit besonders schwerem Auftrag über die Leinwand tobte, kennen wir seine Herkunft aus dem Arbeitermilieu, wissen, dass er Vater ist, und wie schwer sein Job es ihm macht, Beruf und Familie unter einen Hut zu bringen. McClane ist ein Action-Held alter Schule, körperlich fit, technisch eher nicht, mit Dreck unter den Fingernägeln und einer Sprache, zu deren wichtigsten Vokabeln „fuck“, „motherfucker“ und Ähnliches gehörten.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.


          Bis jetzt. Im vierten Teil, „Stirb langsam 4.0“, flucht McClane kaum noch. Zweimal „fuck“ darf er sagen, beim dritten Mal verlöre der Film seine Altersfreigabe ab dreizehn, jedenfalls in den Vereinigten Staaten. Also lässt er die Waffen sprechen oder seine Fäuste, rennt, bis die Lungen rasseln, fährt Auto wie ein Teufel, fliegt auch mal oder kickt und schreit, und obwohl er es mit Hightech-Terroristen zu tun hat, die über Computermanipulationen ausgerechnet am Nationalfeiertag, dem 4. Juli, das gesamte Land lahmlegen, ist er mit diesem Lowtech-Ansatz erstaunlich erfolgreich.

          Riskante Wiederbelebung

          Eine Figur wiederzubeleben, die so alt ist wie McClane und mit ihm Bruce Willis, der ihn spielt, ist eine riskante Sache. Das Publikum für Filme dieser Art ist vorzugsweise unter zwanzig, und die Rücksichtnahme der Produzenten auf die Altersfreigabe für Kinder spricht dafür, dass noch deutlich Jüngere als Zielgruppe angepeilt werden. Sie aber wissen nichts über McClane, was ihre Väter ihnen nicht erzählt haben. Und so wird dem alten Haudegen ein jugendlicher Hacker (Justin Long) zur Seite gestellt, der kann, wovon Kinder heute träumen, nämlich alles am Computer. Das bringt ihn in Gefahr, und seine Rettung im Verein mit der Rettung des Landes ist die schwere Aufgabe, die McClane dieses Mal zu bewältigen hat.

          Bruce Willis ist mit dieser Figur berühmt geworden, hatte seine besten Auftritte allerdings in ganz anderen Filmen und vorzugsweise in sehr viel kleineren Rollen wie bei Quentin Tarantino in „Pulp Fiction“. Er sah sich bei der Wiederbelebung des John McClane seinerseits der Aufgabe gegenüber, als Zweiundfünfzigjähriger noch einmal körperliche Höchstleistungen zu vollbringen. Die meisten Stunts, erklärt er stolz, seien selbstgemacht - digital wurde nur ein wenig nachgebessert, heißt es, was immer das heißt. Jedenfalls sehen wir spektakuläre Actionszenen, etwa den Zusammenprall eines verdellten Wagens mit einem Helikopter hoch in der Luft, der daraufhin zu Boden geht, wir sehen Kickboxkämpfe in einem Auto, das senkrecht an dünnem Seil im Fahrstuhlschacht hängt, sehen einen Sattelschlepper, wie er mit einem Harrier-Jet ficht und so weiter. Jedenfalls geht eine Menge Hardware zu Bruch, aber John McClane, geschunden und gerupft, bleibt irgendwie doch immer am Leben.

          Der tumbe Tor

          Angesichts dessen, was der Böse (Timothy Olyphant) mit ein paar Mausklicks an Unheil über die Welt bringen kann, ohne sein Hemd zu verknautschen, und was entsprechend auch ein Guter mit besserer Ausbildung als McClane zustande bringen könnte, ohne sich die Hände schmutzig zu machen, ist es schwer zu behaupten, so wie Bruce Willis sähen zeitgemäße Helden aus. „Stirb langsam 4.0“ legt eher nah: So sehen heute Väter aus. Wenigstens der Vater, den Hacker sich wünschen.

          Wobei wir wieder beim Zielpublikum wären. Dessen Identifikationsfigur des jungen Hackers mit Namen Matt Farrell ist ein intellektuell hochtrainierter Einsamer. Familie hat er nicht. Mit seinen Buddies und der Wirklichkeit nur virtuell verbunden, ist er handlungsfähig nur, solange er Kontrolle über irgendein Keyboard hat. In der Welt, in der McClane für Ordnung sorgt, bleibt er der tumbe Tor, der mit weitaufgerissenen Augen hinter seinem Retter herstolpert und staunt, was der alles kann.

          Eigentlich gehört Matt, ohne es zu wissen, zum Reich des Bösen, und dass McClane ihn dieser Sphäre entreißt und ihm eine Welt jenseits des binären Codes zeigt, ist sein eigentlicher Sieg. „Live free or die hard“, heißt „4.0“ im Original, und darin liegt das große Versprechen an alle, die Bruce Willis bei seinem schonungslosen Körpereinsatz gegen die Macht der Passwortknacker zuschauen. Die Freiheit, die McClane meint, kennt keine Enter-Taste. Wäre die Welt besser, könnte er mit Matt statt zum Raufen auch zum Fischen gehen.

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