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Video-Filmkritik : Doch nicht in einem Western!

Bild: Wild Bunch Germany

Männer mit Eigenschaften, irgendwo in Oregon: In „The Sisters Brothers“ erzählt Jacques Audiard eine Westernhelden-Geschichte, wie sie uns noch niemand erzählt hat.

          Wann hat ein Western schon einmal im Stockdunkeln begonnen, mit wispernden Stimmen und einer wüsten Schießerei, von der nur das Mündungsfeuer in der Ferne sichtbar ist? Weiteres Wispern, weiteres Schießen, bis eine Scheune Feuer fängt und im Dunkeln glüht? Aus ihr heraus galoppiert mit brennender Mähne ein Pferd.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          So beginnt Jacques Audiards jüngster Film „The Sisters Brothers“, und das Mündungsfeuer auf schwarzer Leinwand, die Scheune und das brennende Pferd sind die ersten von vielen überraschenden und dabei sehr melancholischen Bildern, die der Regisseur verlangsamt, damit wir erkennen, was wir noch nie gesehen haben, jedenfalls nicht so, nicht in einem Western. Ein Tier steht in Flammen und gibt in seiner panischen Bewegung gleichzeitig ein traumhaftes Bild aus dem Vorhof der Hölle ab. Jetzt nimmt die Kamera auf, wer da geschossen hat und wen die beiden Brüder, um die es sich handelt, getroffen haben – ein ganzes Haus voller Männer, die, soweit sie sich noch rühren oder fliehen können, aus nächster Nähe totgemacht werden. Ein wahnsinniger Anfang für einen irren Film.

          Die Zeit ist das Jahr 1851, der Ort irgendwo in Oregon. Gier nach Land und Gold verschiebt die Frontier täglich weiter nach Westen, und die Zivilisation hält nicht Schritt. Eli und Charlie Sisters, die Brüder des Titels, erledigen Mordaufträge im Dienst eines rätselhaften „Commodore“, worum es im Einzelnen geht, spielt keine Rolle, Schulden vermutlich, Machtkämpfe um Territorien, die üblichen Westernmotive. Audiard hält sich mit ihnen nicht lange auf. Ihm kommt es auf etwas anderes an. Die Männer des klassischen Western sind Männer ohne Eigenschaften außer denen, die das Land, durch das sie reiten und in dem sie sich behaupten müssen, und die Umstände, in die sie geraten, ihnen zuweisen. Der Western fragt gemeinhin nicht danach, ob diese Männer über irgendetwas nachdenken, weshalb sie selten in vollständigen Sätzen sprechen, falls sie überhaupt etwas sagen. Die Brüder Sisters dagegen sind redselig. Sie überlegen, reflektieren, Eli mehr als Charlie, der dafür jähzornig ist und manchmal betrunken vom Pferd fällt.

          Schießen, Trinken, Angst verbreiten

          Fragen, Abwägung, Erinnerung, Vorausschau – das sind wesentliche Elemente des Daseins dieser Figuren, während sie tun, was auch andere Westernhelden tun: Schießen, Trinken, Angst verbreiten, wenn sie in einen Raum, einen Ort kommen und rufen: „Wir sind die Sisters Brothers!“. Alles, was Audiard anders macht als im Western üblich, geschieht innerhalb der Grenzen des Genres, das der Franzose offenbar in- und auswendig kennt (wie auch das des Film noir, das er mit seinen früheren Filmen, etwa „Der wilde Schlag meines Herzens“ oder „Der Prophet“, bespielt, variiert, erweitert hat).

          Ikonen harter Männlichkeit? John C. Reilly und Joaquin Phoenix zu Pferd

          Der Western braucht keine Wiedergeburt. Er war nie tot, nur selten geworden im zeitgenössischen Kino, und das mit gutem Grund. Denn die Geschichten, die heute brennend erzählt werden wollen oder müssen, spielen sich anderswo ab als in Oregon 1851, nämlich meistens in den Städten oder noch viel weiter zurück in der Geschichte oder heute auf dem Land oder irgendwann im All. Auf jeden Fall werden stumme Ikonen harter Männlichkeit, wie sie viele Western bevölkern, nicht mehr oft gebraucht. Gleichzeitig hat sich kaum ein Genre so oft selbst befragt, veralbert und vermeintlich neu erfunden wie dieses, angefangen mit Clint Eastwood und seinem „Unforgiven“ vor mehr als zwanzig Jahren. Quentin Tarantino löste sehr viel später (in „The Hateful Eight“) den Western in einem eisigen Blutbad einfach auf. Und was die Coen-Brüder ihrerseits aus dem Genre gemacht haben, nämlich eine Art Nummern-Musical-Revue (in „The Ballad of Buster Scruggs“, der gleichzeitig mit Audiards Film entstand), war mehr ein Ulk und eine Grablegung als eine Erkundung der Möglichkeiten, wie etwas, das wir oft schon gesehen und gehört haben, neu zu erzählen sei. Audiard gelingt das auch, weil er Pausen macht, immer wieder, in denen die Geschichte fast zum Stillstand kommt.

          Er zieht immer noch den Kopf ein, bevor er austeilt

          Bei Audiard sind die Genreelemente alle da: die Nächte am Lagerfeuer, der Ritt in die Stadt, die Nutte im ersten Stock des Saloons, die langen Wege durch die Prärie und am Schluss auch die kleine Farm, hinter deren Tür eine warme Mahlzeit und darüber hinaus auch Heimat wartet – in einer gewissermaßen psychoanalytischen Volte, die keineswegs zwangsläufig aus den Gesprächen der Brüder über ihren gewalttätigen Vater folgt. Doch bis es dazu kommt, geht es weder um Heldenmut noch um die Durchsetzung eines neuen Gesetzes, das gegen die Macht des Stärkeren ins Feld geführt wird, nicht um die Entstehung von Gesellschaft auf den Feldern blutigen Kampfes oder den Schutz der Familie oder den Aufbau einer Dynastie. Dies ist ein Film für vier Männer, von denen nur einer von fern an die Revolverhelden aus frühen Fernsehserien erinnert. Einen fünften, den geheimnisvollen Strippenzieher, den sie „Commodore“ nennen (Rutger Hauer), sieht man nur einmal nicht im Gegenlicht oder von hinten, und da ist er tot. Und die Sisters Brothers kommen tatsächlich bis zum Pazifik. Bis nach San Francisco, in eine Stadt, wie sie sie noch nie gesehen haben.

          Der Revolverheld der beiden Brüder ist Charlie Sisters. Joaquin Phoenix spielt ihn so, dass wir merken, wie er unter dem Vater, einem Trinker, dem er nacheifert, gelitten hat, wie er immer noch den Kopf einzieht, bevor er austeilt, und vor dem älteren Eli letztlich in die Knie geht, obwohl der Commodore ihn, Charlie, zum Chef des Familienduos ernannt hat. Eli wiederum, gespielt von John C. Reilly, ist bedächtiger und behäbiger, aber auch den Segnungen der Zivilisation gegenüber aufgeschlossener. Er erwirbt in einem Kramladen keine neue Waffe, keine Munition, keinen Brandy, sondern eine Zahnbürste.

          Mehr als nur eine ätzende Erfindung

          Eine doppelte Jagd ist im Gange. John Morris, ein Detektiv, den Jake Gyllenhaal als schwermütigen Intellektuellen spielt, der über seine Erlebnisse ein nachdenkliches Tagebuch führt, ist im Auftrag des Commodore hinter einem Chemiker her. Dieser Hermann Kermit Warm wird von Riz Ahmed gespielt, einem zarten Mann, der gegenüber den anderen physisch im Nachteil zu sein scheint. Aber Hermann Kermit Warm hat die chemische Formel für eine Lösung gefunden, die am Grund der Bäche kurz das Gold phosphoreszieren lässt, das, während andere mühsam schürfen, von Hermann nur noch eingesammelt werden muss. Ein überzeugendes, wenn auch ätzendes Konzept.

          Dass die Männer nachdenken, bedeutet auch, dass sie unter Umständen ihre Meinung, ihre Ziele ändern. Dass sie für Ideen empfänglich werden. Der Commodore ahnt, was geschehen wird: Die Aussicht auf viel Gold mit wenig Arbeit wird den Detektiv verführen, gemeinsame Sache mit Hermann Kermit Warm zu machen. Deshalb schickt er die Sisters Brothers hinter den beiden her. Die von Hermanns Idee ähnlich angetan sind wie John Morris. Aber Hermann lässt nicht nur das Gold leuchten. Er hat auch eine Vision. Mit dem vielen Geld will er ein Utopia in der Wildnis errichten. Eine demokratische Gemeinschaft, ökologisch und der Erkenntnis des Wesens der Dinge verpflichtet, friedlich auch, ein Paradies. Aber fürs Paradies ist es auch in diesem Western zu spät.

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