https://www.faz.net/-gs6-9kifi

Video-Filmkritik : Doch nicht in einem Western!

Er zieht immer noch den Kopf ein, bevor er austeilt

Bei Audiard sind die Genreelemente alle da: die Nächte am Lagerfeuer, der Ritt in die Stadt, die Nutte im ersten Stock des Saloons, die langen Wege durch die Prärie und am Schluss auch die kleine Farm, hinter deren Tür eine warme Mahlzeit und darüber hinaus auch Heimat wartet – in einer gewissermaßen psychoanalytischen Volte, die keineswegs zwangsläufig aus den Gesprächen der Brüder über ihren gewalttätigen Vater folgt. Doch bis es dazu kommt, geht es weder um Heldenmut noch um die Durchsetzung eines neuen Gesetzes, das gegen die Macht des Stärkeren ins Feld geführt wird, nicht um die Entstehung von Gesellschaft auf den Feldern blutigen Kampfes oder den Schutz der Familie oder den Aufbau einer Dynastie. Dies ist ein Film für vier Männer, von denen nur einer von fern an die Revolverhelden aus frühen Fernsehserien erinnert. Einen fünften, den geheimnisvollen Strippenzieher, den sie „Commodore“ nennen (Rutger Hauer), sieht man nur einmal nicht im Gegenlicht oder von hinten, und da ist er tot. Und die Sisters Brothers kommen tatsächlich bis zum Pazifik. Bis nach San Francisco, in eine Stadt, wie sie sie noch nie gesehen haben.

Der Revolverheld der beiden Brüder ist Charlie Sisters. Joaquin Phoenix spielt ihn so, dass wir merken, wie er unter dem Vater, einem Trinker, dem er nacheifert, gelitten hat, wie er immer noch den Kopf einzieht, bevor er austeilt, und vor dem älteren Eli letztlich in die Knie geht, obwohl der Commodore ihn, Charlie, zum Chef des Familienduos ernannt hat. Eli wiederum, gespielt von John C. Reilly, ist bedächtiger und behäbiger, aber auch den Segnungen der Zivilisation gegenüber aufgeschlossener. Er erwirbt in einem Kramladen keine neue Waffe, keine Munition, keinen Brandy, sondern eine Zahnbürste.

Mehr als nur eine ätzende Erfindung

Eine doppelte Jagd ist im Gange. John Morris, ein Detektiv, den Jake Gyllenhaal als schwermütigen Intellektuellen spielt, der über seine Erlebnisse ein nachdenkliches Tagebuch führt, ist im Auftrag des Commodore hinter einem Chemiker her. Dieser Hermann Kermit Warm wird von Riz Ahmed gespielt, einem zarten Mann, der gegenüber den anderen physisch im Nachteil zu sein scheint. Aber Hermann Kermit Warm hat die chemische Formel für eine Lösung gefunden, die am Grund der Bäche kurz das Gold phosphoreszieren lässt, das, während andere mühsam schürfen, von Hermann nur noch eingesammelt werden muss. Ein überzeugendes, wenn auch ätzendes Konzept.

Dass die Männer nachdenken, bedeutet auch, dass sie unter Umständen ihre Meinung, ihre Ziele ändern. Dass sie für Ideen empfänglich werden. Der Commodore ahnt, was geschehen wird: Die Aussicht auf viel Gold mit wenig Arbeit wird den Detektiv verführen, gemeinsame Sache mit Hermann Kermit Warm zu machen. Deshalb schickt er die Sisters Brothers hinter den beiden her. Die von Hermanns Idee ähnlich angetan sind wie John Morris. Aber Hermann lässt nicht nur das Gold leuchten. Er hat auch eine Vision. Mit dem vielen Geld will er ein Utopia in der Wildnis errichten. Eine demokratische Gemeinschaft, ökologisch und der Erkenntnis des Wesens der Dinge verpflichtet, friedlich auch, ein Paradies. Aber fürs Paradies ist es auch in diesem Western zu spät.

Weitere Themen

„Dark – Staffel 2“ Video-Seite öffnen

Trailer : „Dark – Staffel 2“

Es geht weiter: Die 2. Staffel der „Dark“-Trilogie ist ab 21. Juni auf Netflix verfügbar.

Topmeldungen

Wirft hin: Patrick Shanahan wird nicht amerikanischer Verteidigungsminister.

Rückzug von Shanahan : Keine Ruhe im Pentagon

Mitten in der Iran-Krise verliert Donald Trump seinen amtierenden Verteidigungsminister. Der Wunschkandidat des Präsidenten hat sich zurückgezogen – wegen eines „traumatischen Kapitels“ in seinem Familienleben.
Der 22 Jahre alte Ali B. dementiert weiterhin die Vergewaltigung von Susanna F.

Psychiaterin über Ali B. : Egozentrisch, manipulativ, empathielos

Im Prozess um die getötete Schülerin Susanna F. aus Mainz berichtet wenige Wochen vor dem Urteilstermin die psychiatrische Gutachterin. Den angeklagten Ali B. beschreibt sie als faulen und frauenverachtenden Mann, der in seinem Leben immer nur an sich selbst gedacht habe.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.