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Video-Filmkritik: „Inside Wikileaks“ : Einer ist alle, und alle sind er

  • -Aktualisiert am

Bild: Constantin

Hier gibt es keine Helden und kein Happy End: „Inside WikiLeaks“ will lieber Dokument sein als filmische Phantasie - und verfehlt gerade darin den Stoff.

          4 Min.

          An Benedict Cumberbatch kann man sich nicht sattsehen. Mit seiner weichen, sinnlichen Erscheinung, den gewellten Haaren und auffällig geschwungenen Lippen hat er schon von Natur aus Präsenz. Nicht weil er die markante Schönheit eines George Clooney mitbrächte, sondern weil man ihn einfach nie wieder vergisst. Er ähnelt niemandem, niemand ähnelt ihm. Er ist einzigartig im Sinne dieses Wortes. Und wenn er zu spielen beginnt, dann wird der Glaube an ihn Gewissheit: Er ist groß und doch ganz klein, er stolpert und bewegt sich doch grazil, er lächelt verführerisch und ist dabei beinhart.

          Die erste Anmaßung

          Der Brite ist jetzt in der Rolle des Australiers Julian Assange im Kinofilm „Inside WikiLeaks - Die fünfte Gewalt“ zu sehen. Wie passend, denkt man. Nach dem genialen Außenseiter Sherlock Holmes in der preisgekrönten, wagemutigen englischen Fernsehserie „Sherlock“ und seiner Rolle als Khan, dem Gegenspieler von Spock in „Star Trek: Into Darkness“, verkörpert er nun abermals einen nicht greifbaren und wohl auch nicht begreifbaren Charakter. Julian Assange gehörte schon mit siebzehn Jahren zu den ersten Computer-Hackern: Im Jahr 1989 knackte er als „Mendax“ das amerikanische Militärnetzwerk und das Netz des Pentagon - gleichzeitig ist er ein Stolperer, der Hürden jedoch zu nehmen weiß.

          Jetzt aber sitzt er fest, in der Botschaft von Ecuador, und soll wegen des Vorwurfs der Vergewaltigung nach Schweden ausgeliefert werden. Wir kennen ihn und seine Geschichte, wie sie in den Medien erzählt wird. Und „Inside WikiLeaks“ ist nicht der erste Spielfilm über Julian Assange; „Underground“ erzählte 2012 zum Beispiel seine Hackerjugend. Allerdings ist „Inside Wikileaks“ der erste Film, der sich eine Deutung dieses Charakters anmaßt.

          Gleichbleibendes Assange-Wahn-Level

          In „Sherlock“ war Benedict Cumberbatch der sanfte, verspielte, mit unerreichbaren Sinnen ausgestattete Hochintelligente. Verkleidung war in dieser Rolle kaum nötig, Ausdruck umso mehr. Als Julian Assange, der seine Haare stets blond gefärbt hat (weil es in der Sekte seiner Eltern Vorschrift war), gelingt ihm die Symbiose mit der Rolle leider nicht: Zu sehr spürt man die Anstrengung der Imitation. Der Wille zur (unmöglichen) Kopie bringt Cumberbatch auf einen gleichbleibendes Assange-Wahn-Level, den er nur angestrengt bis zum Ende hält. „Gibt man einem Menschen eine Maske, dann sagt er dir die Wahrheit“, behauptet der Schauspieler, das heißt die Figur, an einer Stelle. Doch er selbst kann hinter seiner Assange-Maske keine Wahrheit aussprechen.

          Wie konnte ein so guter Schauspielers hier scheitern? Die Regie führte Bill Condon, Autor ist Josh Singer, der seinen Namen der Fernsehserie West Wing verdankt. Das Ergebnis ist, was diese Namen versprechen: kein Autorenkino, sondern ein Film für Leute, die sich nicht auskennen, die vielleicht erst durch die jüngsten NSA-Enthüllungen und ihre eigene Betroffenheit Interesse am Thema entwickeln - und nun erzählt bekommen wollen, was geschah.

          Daniel Brühl mit Hundeblick

          Erzählt wird „Inside WikiLeaks“ aus zwei Perspektiven - aus der von Assanges engstem Vertrauten in den entscheidenden Jahren, Daniel Domscheit-Berg (Daniel Brühl), mit dem er die Internet-Plattform entwickelte, auf der Whistleblower anonym Daten hinterlassen können, und aus der Erinnerungen der „Guardian“-Journalisten Benedict Leigh und Luke Harding. Sie alle haben Bücher geschrieben, die im Film akribisch nacherzählt werden.

          Bei einem Chaos-Computer Club-Treffen (kostümschinkenartig mit Club Mate im BCC am Alexanderplatz in Berlin in Szene gesetzt) trifft der Heldendarsteller auf Daniel Domscheit-Berg, einen kontrollierten jungen Mann, der ihm gleich an diesem Abend willig folgt, bis hinauf auf den Berliner Dom, und dort im Schneegestöber Ideen teilt. Daniel Brühl bestaunt den schrägen Vogel mit einem endlosen Hundeblick und folgt im zunächst anstandslos - auch in die Enge und Unübersichtlichkeit revolutionär gemeinter Attacken. Hat man den wirklichen Domscheit-Berg einmal getroffen, so weiß man: Brühls Porträt ähnelt dem von Assange klein gehaltenen Zuarbeiter tatsächlich. Die Rolle ist realistisch - und endet im Buch und Film dramatisch.

          Gegenwartsgeschichte auf der Leinwand

          Das Drama aber wird serviert wie ein Wikipedia-Eintrag: Chronologisch werden die wichtigsten Eckdaten genannt, die Leaks hastig nacheinander vorgeführt - bis zur Bradley-Manning-Depesche, die die amerikanische Regierung mächtig unter Druck setzt. „Inside WikiLeaks“ reiht sich damit ein in jüngste Kinostoffe, die uns die Gegenwart schenkt: Der Facebook-Film „The Social Network“ oder auch „Occupy - The movie“, der noch in die deutschen Kinos kommen wird, gehören dazu. Diese eilige Vermittlung von Zeitgeschichte ist seit Jahrzehnten eine Stärke des Kinos, ob in Oliver Stones „Nixon“ oder auch „Frost/Nixon“ von Ron Howard. Doch „WikiLeaks“ ähnelt eher dem blassen „München“ von Stephen Spielberg aus dem Jahr 2005. Damals wurde dem Film faktische Ungenauigkeit vorgeworfen, dabei leidet er an filmischer Ungenauigkeit - wie jetzt auch Bill Condons „Inside WikiLeaks“.

          Die filmisch gelungenen Augenblicke kann man an einer Hand abzählen: Der Einstieg zum Beispiel ist ein rasanter Clip, der wunderbar zu einer HBO-Serie wie „The Wire“ gepasst hätte, ein Kurztrip durch die Mediengeschichte seit Gutenberg, in Eile kommen wir im digitalen Bilder- und Datenkrieg an, der sich, wie wir wissen, in der Realität aktuell zum Wirtschaftskrieg ausweitet. Vorstellungskraft wird auch befeuert, wenn Julian Assange zugibt, dass nicht Hundertschaften hinter ihm stünden, sondern seine Widerstandsgruppe nur aus zweien bestehe: Daniel und ihm. Wir sehen einen unendlichen Raum, vollgestellt mit Computern, an jedem der Plätze sitzt nur einer: Julian Assange. Er ist alle, und alle sind er. Und er steht gegen den Rest der Welt.

          Philip Seymour Hoffmann hat 2006 über seine meisterhafte Rolle als Truman Capote gesagt: „Man kann die Figur recherchieren und muss sie nicht erfinden.“ Cumberbatch hat versucht, Julian Assange zu einem Treffen zu bewegen. Ohne Erfolg. Er hält nichts von dem Film. Ob ihn Tilda Swinton als Julian Assange interessiert hätte, wie an dieser Stelle gefordert? So traurig es ist, nicht einmal sie hätte den Film gerettet.

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