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Video-Filmkritik: „Inside Wikileaks“ : Einer ist alle, und alle sind er

  • -Aktualisiert am

Daniel Brühl mit Hundeblick

Erzählt wird „Inside WikiLeaks“ aus zwei Perspektiven - aus der von Assanges engstem Vertrauten in den entscheidenden Jahren, Daniel Domscheit-Berg (Daniel Brühl), mit dem er die Internet-Plattform entwickelte, auf der Whistleblower anonym Daten hinterlassen können, und aus der Erinnerungen der „Guardian“-Journalisten Benedict Leigh und Luke Harding. Sie alle haben Bücher geschrieben, die im Film akribisch nacherzählt werden.

Bei einem Chaos-Computer Club-Treffen (kostümschinkenartig mit Club Mate im BCC am Alexanderplatz in Berlin in Szene gesetzt) trifft der Heldendarsteller auf Daniel Domscheit-Berg, einen kontrollierten jungen Mann, der ihm gleich an diesem Abend willig folgt, bis hinauf auf den Berliner Dom, und dort im Schneegestöber Ideen teilt. Daniel Brühl bestaunt den schrägen Vogel mit einem endlosen Hundeblick und folgt im zunächst anstandslos - auch in die Enge und Unübersichtlichkeit revolutionär gemeinter Attacken. Hat man den wirklichen Domscheit-Berg einmal getroffen, so weiß man: Brühls Porträt ähnelt dem von Assange klein gehaltenen Zuarbeiter tatsächlich. Die Rolle ist realistisch - und endet im Buch und Film dramatisch.

Gegenwartsgeschichte auf der Leinwand

Das Drama aber wird serviert wie ein Wikipedia-Eintrag: Chronologisch werden die wichtigsten Eckdaten genannt, die Leaks hastig nacheinander vorgeführt - bis zur Bradley-Manning-Depesche, die die amerikanische Regierung mächtig unter Druck setzt. „Inside WikiLeaks“ reiht sich damit ein in jüngste Kinostoffe, die uns die Gegenwart schenkt: Der Facebook-Film „The Social Network“ oder auch „Occupy - The movie“, der noch in die deutschen Kinos kommen wird, gehören dazu. Diese eilige Vermittlung von Zeitgeschichte ist seit Jahrzehnten eine Stärke des Kinos, ob in Oliver Stones „Nixon“ oder auch „Frost/Nixon“ von Ron Howard. Doch „WikiLeaks“ ähnelt eher dem blassen „München“ von Stephen Spielberg aus dem Jahr 2005. Damals wurde dem Film faktische Ungenauigkeit vorgeworfen, dabei leidet er an filmischer Ungenauigkeit - wie jetzt auch Bill Condons „Inside WikiLeaks“.

Die filmisch gelungenen Augenblicke kann man an einer Hand abzählen: Der Einstieg zum Beispiel ist ein rasanter Clip, der wunderbar zu einer HBO-Serie wie „The Wire“ gepasst hätte, ein Kurztrip durch die Mediengeschichte seit Gutenberg, in Eile kommen wir im digitalen Bilder- und Datenkrieg an, der sich, wie wir wissen, in der Realität aktuell zum Wirtschaftskrieg ausweitet. Vorstellungskraft wird auch befeuert, wenn Julian Assange zugibt, dass nicht Hundertschaften hinter ihm stünden, sondern seine Widerstandsgruppe nur aus zweien bestehe: Daniel und ihm. Wir sehen einen unendlichen Raum, vollgestellt mit Computern, an jedem der Plätze sitzt nur einer: Julian Assange. Er ist alle, und alle sind er. Und er steht gegen den Rest der Welt.

Philip Seymour Hoffmann hat 2006 über seine meisterhafte Rolle als Truman Capote gesagt: „Man kann die Figur recherchieren und muss sie nicht erfinden.“ Cumberbatch hat versucht, Julian Assange zu einem Treffen zu bewegen. Ohne Erfolg. Er hält nichts von dem Film. Ob ihn Tilda Swinton als Julian Assange interessiert hätte, wie an dieser Stelle gefordert? So traurig es ist, nicht einmal sie hätte den Film gerettet.

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