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Video-Filmkritik : In knapp zwei Stunden ist dieses Leben vorbei

  • -Aktualisiert am

Bild: F.A.Z., Pandora

Andreas Dresens neuer Film begleitet einen Familienvater, der an einem Tumor erkrankt, von der Diagnose bis zum Sterbebett. Dresens Erzählweise macht ihn zum wichtigsten Vertreter des Realismus im deutschen Kino.

          3 Min.

          Andreas Dresens neuer Film „Halt auf freier Strecke“ beginnt mit der Verkündigung eines Urteils: Frank, ein Mann in mittleren Jahren, leidet an einem Hirntumor, der ihn bald das Leben kosten wird. Der Arzt, der ihm dies beibringen muss, redet nicht groß herum, er sagt eigentlich nur ganz wenig, irgendwie scheint es ihm an einer Mitleidsformel zu gebrechen. Die einzige Interpretation, die er anbietet, ist ein altes Wort: Schicksal. Frank Lange hat sich nichts zuschulden kommen lassen, er hat nicht ungesünder gelebt als andere, er ist einfach einer, über den die Natur das Urteil eines relativ frühen Todes gesprochen hat.

          Von diesem Tod handelt „Halt auf freier Strecke“ - von der Distanz zwischen dem Moment, in dem Frank Lange und seine Frau Simone in dem Zimmer sitzen, in dem ein Röntgenbild das Undenkbare veranschaulicht, und dem Moment, in dem für die Angehörigen des gerade verstorbenen Frank Lange das Leben weitergeht, während er nicht mehr da ist, sondern nur noch sein lebloser Körper.

          Einige Wochen Sterben in 110 Minuten, das ist die Zumutung dieses Films. Eine Zumutung, die dadurch gebrochen (oder gesteigert) wird, dass auch dies ein ganz normaler Film ist, mit plot points und Durchatmen, mit dramaturgisch geschickt verteilten Momenten der Stärke, der Schwäche, des Glücks und der Angst, und mit einem offenen Ende, das den Konventionen des „happy ending“ keineswegs prinzipiell zuwiderläuft.

          Mit einem Wort: Andreas Dresen erzählt von einem Ausnahmezustand so, wie er in seinen früheren Filmen vom Alltag erzählt hat, und man wird „Halt auf freier Strecke“ vor allem dann für eine Errungenschaft halten, wenn man der Meinung ist, dass das Menschliche sich eben auch in extremis den Darstellungskonventionen einer bestimmten Form von Kino nicht verschließt.

          Nicht mehr Herr der Lage

          Zu diesen Konventionen gehört in diesem Fall, dass uns die Skandale des körperlichen Verfalls nicht vorenthalten werden. Der Tumor von Frank Lange sitzt an einer Stelle, an der sein Persönlichkeitszentrum angegriffen wird. Er ist schon bald nicht mehr Herr der Lage, er tut Dinge, von denen er nichts weiß, und seine Frau Simone hat mehrfach Mühe, in ihm den Mann wiederzuerkennen, mit dem sie zwei Kinder hat (die vierzehnjährige Lilli und den achtjährigen Mika), und mit dem sie gerade erst eine Doppelhaushälfte mit Blick in die Natur bezogen hat.

          Als er eines Tages in das Zimmer von Lilli pinkelt, weil er die Toilette nicht mehr findet, wird die Sache mit einem Putzlappen schnell behoben. Dass Dresen für den Ekel, der hier überwunden werden muss, kaum Zeit einräumt, zeugt auch von dem straffen Konzept, dem sein Film unterliegt.

          Wichtigster Vertreter des Realismus

          Andreas Dresen ist ein Teamworker, viele Beteiligte an „Halt auf freier Strecke“ arbeiten mindestens seit seinem Durchbruch mit „Halbe Treppe“ vor zehn Jahren mit ihm zusammen. Milan Peschel passt zu dieser Truppe ganz ausgezeichnet, er und Steffi Kühnert sind ein überzeugendes Ehepaar, von dem man sich vorstellen kann, dass sie vor der großen Zäsur mit beiden Beinen im Leben gestanden haben - sie tun es im Grunde noch immer, bis zum Ende, und ein ganzes Team bodenständiger Leute, von früheren Kollegen bis zu einer grundvernünftigen Hauskrankenpflegerin, steht ihnen zur Seite.

          In all diesen Aspekten ist Dresen ganz bei sich und seiner Erzählweise, die ihn im deutschen Kino zum wichtigsten (wo nicht: alleinigen) Vertreter eines Realismus gemacht hat, von dem man eigentlich erwarten würde, dass er so etwas wie den Normalfall des Kinos ausmacht. In Wahrheit ist er eine Ausnahme.

          Eine Szene sprengt den Film

          Das zeigt sich auch daran, dass es noch eine andere Ebene in „Halt auf freier Strecke“ gibt, die sich den Konventionen nicht so ohne weiteres fügt. Denn Dresen führt uns auch in die Subjektivität von Frank Lange. Er zeigt uns nicht nur, wie Milan Peschel diesen Verfall spielt, er zeigt uns auch manchmal, was im Inneren von Frank Lange vor sich geht.

          Besonders markant ist eine Stelle, für die Harald Schmidt eigens eine Szene aus seiner Show gedreht hat, die von nichts anderem handelt als von Frank Langes Tumor. Die Szene sprengt im Grunde den ganzen Film, denn sie erzählt in wenigen Sekunden eine ganz eigene Geschichte von Andreas Dresens Versuch, dem Sterben nicht nur eine geläufige Spielfilmform zu geben, sondern auch dem Abgrund gerecht zu werden, der sich dabei auftut.

          Die Widersprüche des Kinos

          Dass aus diesem Abgrund aber der Entertainer des kalkulierten Tabubruchs auftaucht, ist fast so etwas wie eine symptomatische Handlung. Sie zeugt davon, welchen Spannungen „Halt auf freier Strecke“ unterliegt, ohne sie wirklich zulassen zu können. Es sind nicht die Spannungen der Familie Lange, es sind die Widersprüche eines Kinos, das Andreas Dresen zunehmend an Grenzpunkte der Erfahrung führt, ohne dafür seine populäre Form entscheidend verändern zu wollen.

          Man könnte bei „Halt auf freier Strecke“ von einem Realismus sprechen, der mit allem rechnet, nur nicht mit dem Zerbrechen der Realität. Das ist tröstlich, aber auch eine Zumutung.

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