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Video-Filmkritik : Immun gegen das Böse: „Das Parfum“

Und dann tut der Film etwas, was ein Verrat an seinem Helden ist, dessen Weg von Paris nach Grasse, vom Gerbergehilfen zum Duftgenie, von Mord zu Mord er fast zweieinhalb Stunden lang ziemlich schleppend nachbuchstabiert hat: Grenouille vergießt ein paar Tränen, als er auf dem Höhepunkt seiner Macht die Bilder seines ersten Opfers, des „Mirabellenmädchens“, vor sich sieht, und diese Regung bringt eine klebrige Sentimentalität ins Spiel, die alles, was man bis dahin gesehen hat, dementiert. Mit solchen Einfällen kann man einen Film ruinieren; man kann sie auch verstehen als ein Zeichen tiefster Verunsicherung: Trotz aufwendigen Produktionsdesigns, trotz leuchtender Lavendelfelder und optischer Tricks sind Eichinger und Tykwer gegen die Faszination des genialisch Bösen immun. Sie dämpfen den Schrecken, und sie filmen, als müßte ständig beglaubigt werden, daß es sich tatsächlich um Süskinds Romanvorlage handelt. Nicht weil das Buch unverfilmbar ist, ist „Das Parfum“ gescheitert, sondern weil es den Roman zu sehr verfilmt.

So verfliegt die Vision wie ein flüchtiger Duft, und deshalb hat es auch eine gewisse Konsequenz, daß der abgetakelte Parfumeur, den Dustin Hoffman mühsam am Rande der Charge hält, auch den Schlüssel zum Film liefert. Jedes Parfum, erklärt dieser Baldini seinem Lehrling Grenouille, habe eine Kopf-, eine Herz-, eine Basisnote - und kaum eines jenes magische Mehr, das es einzigartig mache und von dem Baldini behauptet, es sei bloß eine Legende, wohingegen Grenouille diese Legende zur Tatsache machen will. „Das Parfum“ macht auf den ersten Blick mächtig Eindruck, es führt seine Schauwerte vor und verwelkt schon leicht in der Herznote, wenn der erste Bildersturm sich gelegt hat; es wird bieder und in aller Opulenz steril. Was als Basisnote bleibt, das ist gediegene Langeweile, das ist der solide Romanverfilmungsstandard.

Eine herbe Enttäuschung

„Das Parfum“ ist Bernd Eichingers größte Produktion, und es ist fraglich, ob es ihm noch einmal gelingen wird, ein 50-Millionen-Euro-Projekt auf die Beine zu stellen. Daß einer, der die deutsche Filmlandschaft so dominiert hat in den letzten zwei Jahrzehnten, der sechzehn Jahre lang hartnäckig um die Filmrechte gekämpft hat, dennoch nicht den ganz großen Wurf geschafft hat, ist eine herbe Enttäuschung. Mit dem „Untergang“, was immer man als Film von ihm hält, war Eichinger vor zwei Jahren mitten in den intellektuellen und politischen Diskursen angekommen, und es ist nicht auszuschließen, daß sein RAF-Projekt ähnliches erreichen wird, weil die gesellschaftliche Wucht der Sujets, der Streit um die historische Lesart, die Ästhetik zur bloßen Formalie machen.

Beim „Parfum“ ist das anders. Es verweist auch als das deutsche Kino-Event dieses Herbstes immer nur auf sich selbst. Und wenngleich Bernd Eichinger kein Schwärmer, kein Romantiker ist, dann steckt in dieser Langzeitfaszination für einen Stoff doch der heimliche Wunsch, einen Klassiker zu drehen, einen Film, nach dem die Kinogeschichte ein wenig anders ausschaut. Es ist deshalb kaum ein Zufall, daß Eichinger jetzt, im Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, wieder mit leisem Bedauern über das Scheitern von „Last Exit to Brooklyn“ (1989) gesprochen hat, weil dieses Projekt ein großer Jugendtraum war. Und es ist auffällig, wie gewunden er seine Erwartungen ans „Parfum“ formuliert: Stolz wäre er auch dann, wenn sich die kommerziellen Erwartungen nicht erfüllten - aber der Erfolg müsse unbedingt her, scheitern dürfe man nicht.

Da ist ein seltsamer Zwiespalt, der für Eichinger typisch ist: Einer, der mit sicherem Blick die schwachen Stellen in anderen Filmen erkennt, der leidenschaftlich von Obsessionen und Abgründen spricht, läßt die Obsessionen immer wieder so zahm und die Abgründe so harmlos aussehen, wie es das Publikum angeblich erwartet. „Keiner weiß, was das Publikum will“, hatte er damals auch gesagt, um immer wieder so zu handeln, als könne man es doch ahnen, anstatt das Publikum mit einem Film einfach zu überwältigen. Angesichts seines kontinuierlichen Erfolgs kann man diesen Zwiespalt kaum tragisch nennen. Aber er erzeugt eine Reibung, die Bernd Eichinger umtreibt, weil da zwischen „Harten Jungs“, „Fantastischen Vier“ oder „Resident Evil“ dieser heimliche Wunsch bleibt. Mit dem „Parfum“ wird sich dieser Wunsch nicht erfüllen.

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