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Video-Filmkritik : Immun gegen das Böse: „Das Parfum“

Es gibt in Deutschland nach wie vor keinen Produzenten, dem man diesen Film zugetraut hätte, keinen, der Geldgeber überzeugen könnte, daß sich das Risiko lohne, einen Roman zu adaptieren, dem elementare dramatische Voraussetzungen wie der Kampf von Gut und Böse oder eine Liebesgeschichte fehlen. Es ist allerdings schwer, sich von einem Weltbestseller zu emanzipieren, weil bei einer Gesamtauflage von 15 Millionen sehr, sehr viele, die sich jetzt den Film anschauen sollen, natürlich den Roman gelesen und eine Vorstellung haben, wie die Welt dieses Jean-Baptiste Grenouille aussieht, des Mädchenmörders, der im unvorstellbaren Schmutz und Gestank des 18. Jahrhunderts geboren wird, zum größten Parfumzauberer aufsteigt und am Ende von einer wilden Meute vertilgt wird; des Monstrums, dem sich die Welt nicht durch die Augen, sondern durch die Nase erschließt.

Es gibt eine ungeschriebene Regel, ein Buch nicht gegen seine Verfilmung auszuspielen. Doch leider hat man hier ganz schnell das Gefühl, die Filmemacher selbst hätten diese Regel umgangen, weil sie zu sehr am Buch kleben, weil schon in den ersten Minuten Otto Sander aus dem Off Süskinds Sätze rezitiert, weil es Momente gibt, in denen der Film den Roman auf groteske Weise wörtlich nimmt. Wenn es etwa am Ende bei Süskind heißt, Grenouille sei „von Schönheit übergossen gewesen wie von strahlendem Feuer“, umgibt ihn der Film allen Ernstes mit einer kleinen Aura.

Abfolge beschwörender Gesten

Wer fünfzig Millionen Euro investiert, der muß halt Rücksichten nehmen. Der kann zwar Süskind gelegentlich wörtlich nehmen, aber keine Bilder machen, wie man sie bei Süskinds Prosa vor Augen hat. Wo aus Satzfolgen Sequenzen für eine Mainstream-Produktion werden, denkt man an andere Dinge. Wo liegt die Ekelgrenze? Wieviel Schmutz und Blut und Grausamkeit darf es sein? Wie häßlich darf ein Hauptdarsteller sein, der den amoralischen Grenouille spielt? Wie lassen sich Morde an unschuldigen Mädchen inszenieren?

Ben Whishaw als Grenouille ist keine schlechte Wahl: kein Schönling, nicht zu derb - und leider ohne den leisesten Anflug von Dämonie. Er beschwört sie eher hilflos, wie überhaupt „Das Parfum“ von Anfang an eine Abfolge beschwörender Gesten ist. Es ist nicht nur die Off-Stimme, es sind auch die Bilder all der geruchsintensiven Dinge, die der Film wie ein Leporello ausbreitet. Grenouille riecht an einer toten Ratte - und die Kamera zoomt durchs Rattenfell auf die Würmer, die ihre Arbeit tun. Und doch wirkt alles chemisch gereinigt. Die toten Mädchen mit den geschorenen Köpfen liegen da wie bei einem der berüchtigten Benetton-Shootings von Oliviero Toscani; wenn Grenouille der Hinrichtung entgeht und mit seinem aus Mädchenleichen gewonnenen Parfum die Menge hypnotisiert, übertönt ein pompöser Soundtrack mit ätherischer weiblicher Singstimme das Schreien und Stöhnen. Die Leiber verknäulen sich in Zeitlupe, bis die Massenkopulation aussieht wie das Treiben in einem spätabsolutistischen Ashram. Wie eine unfreiwillige Parodie wirkt es, wenn Grenouille vorm Stadttor steht, wenn er Witterung aufnimmt und die Kamera sich auf einmal wie Superman in die Luft schwingt und über Berg und Tal fliegt, bis sie die beiden gesuchten Reiter gefunden hat.

Eine Träne zuviel

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