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Video-Filmkritik : Im wüsten Land der Scheidungskinder

Bild: Studiocanal

Sommerferien mit Maulschelle: Caroline Links neuer Film „Exit Marrakech“ mit Ulrich Tukur bringt die Familienthemen, von denen ihr Werk schon immer handelt, in Bewegung und schickt sie in die Ferne.

          Niemand kann der Regisseurin Caroline Link vorwerfen, sie laufe irgendeiner Mode hinterher. Als der deutsche Film sich mit Beziehungswitzchen die Zeit vertrieb, drehte sie ihr Kinodebüt über eine taubstumme Familie in Süddeutschland. Als die deutschen Regisseure wieder genrefest und weltläufig werden wollten, verfilmte sie Kästner. Als alle vom „Schuh des Manitu“ sprachen, inszenierte sie eine Familiengeschichte in Afrika. Und als „Das Leben der Anderen“ in Hollywood Furore machte, schrieb sie an einer Familientragödie in München.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Es ist also kein Wunder, dass auch der neue Spielfilm von Caroline Link wieder von Familiendingen handelt, so wie alle ihre Filme von „Jenseits der Stille“ bis „Im Winter ein Jahr“. In der Beharrlichkeit, mit der die Regisseurin ihrem Thema treu bleibt, liegt ja auch ein stiller Triumph: Man kann in Deutschland also immer noch ein filmisches Lebenswerk schaffen, ohne sich den jeweils angesagten Trends zu beugen, auch wenn der Erfolg dabei eine schwankende Größe ist. Mit ihrem Debüt überzeugte Caroline Link die Kritiker, mit „Pünktchen und Anton“ hatte sie über eine Million Zuschauer, für „Nirgendwo in Afrika“ bekam sie den Oscar, mit „Im Winter ein Jahr“ gewann sie Preise, aber kein größeres Publikum.

          Entschiedenheit und Entschlusskraft

          Auch „Exit Marrakech“, das neue Werk, hatte einen wechselhaften Start beim Filmfest München, es gab freundliche, aber keineswegs begeisterte Kritiken. Und jetzt muss sich der Film im Kino gegen „Gravity“ und „Frau Ella“ durchsetzen, gegen die Weltall-Märchen aus Hollywood und die Wohnzimmerschwänke aus Deutschland. Doch selbst ein kommerzieller Tiefschlag, scheint es, könnte Caroline Link nicht aufhalten, eine Filmemacherin, die nicht in Einspielergebnissen, sondern in Projekten und Geschichten denkt und die nicht nur beim Schreiben genau weiß, was sie will. Fast jeder, der mit ihr gedreht hat, berichtet von der Entschiedenheit, mit der sie am Set auftritt, und diese Entschlusskraft spiegelt sich auch in den Bildern ihres Films.

          „Exit Marrakech“ beginnt weit jenseits von Marrakesch. Ein Münchner Gymnasium, der letzte Schultag vor den Sommerferien. Ben (Samuel Schneider) wird zum Direktor gerufen, der ihm eine freundliche Ermahnung auf den Weg geben will. Ben schreibt Kurzgeschichten, aber seine Aufmerksamkeit im Unterricht hat nachgelassen, und über den Urlaub, den er bei seinem geschiedenen Vater in Marokko verbringen soll, spricht er wie über eine Strafarbeit. Der Direktor, der von Josef Bierbichler gespielt wird, dem Hauptdarsteller von „Im Winter ein Jahr“, zitiert Tolstois Satz von den glücklichen Familien, die alle auf die gleiche Weise glücklich, und den unglücklichen, die jede auf ihre Weise unglücklich seien. Aber dann sagt er noch einen anderen, viel wichtigeren Satz: „Mach’ was draus.“ Aus den Ferien, heißt das. Und aus deinem Zorn.

          Die Wüste des Herzens

          Und Ben versteht. In Marrakesch wartet eine Limousine mit Fahrer, die ihn zum Hotel und ins Theater bringen soll, aber Ben steigt unterwegs aus und streift allein durch die Stadt. Vor dem Theater, in dem sein Vater vor ausgewählten Kulturbürgern „Emilia Galotti“ inszeniert, lernt er zwei Marokkaner kennen, die ihm das Nachtleben der Metropole zeigen wollen. Sie nehmen ihn mit in eine Rotlichtbar. Eine Prostituierte spricht ihn an, er gibt ihr sein letztes Geld: „No sex, only sleep.“ Sie nimmt ihn mit in ihr Zimmer in der Medina, der Altstadt, und er singt für sie ein Lied: „Der Mond ist aufgegangen“. Dann sieht er ihr beim Schlafen zu. Er ist siebzehn. Er hat Diabetes. Er trägt eine Zahnspange. Und er will in die Wüste, die echte und die des Herzens.

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