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Video-Filmkritik : Im wüsten Land der Scheidungskinder

Spätestens an diesem Punkt spürt man die Gefahr, in der der Film schwebt – die Gefahr, sich zu verzetteln. Denn er will ja doch eine Familiengeschichte erzählen, die Geschichte von Ben und seinen geschiedenen Eltern, seinem Vater Heinrich (Ulrich Tukur), einem erfolgreichen Regisseur, und seiner Mutter Lea (Marie-Lou Sellem), einer Orchestermusikerin, die auf Tournee in Paris ist und jeden Tag anruft aus Sorge um ihren Sohn. Aber alles, was „Exit Marrakech“ tatsächlich erzählt, führt weg aus dieser Konstellation, dieser großbürgerlichen deutschen Enge: in die ganz andere Enge, beispielsweise, eines marokkanischen Dorfs, in dem Ben mit Karima (Hafsia Herzi), der Frau aus der Rotlichtbar, bei ihrer Familie unterkommt, bis ihr Vater die beiden vor die Tür setzt. Oder in die Weite der Sahara, in der der Junge aus München wie ein richtiger Abenteuertourist Dünen-Ski fährt, bis ihn die Polizei mit Blaulicht abholt.

Offene Rechnungen und unterdrückte Gefühle

Da helfen auch die leuchtenden Kamerabilder von Bella Halben und die wie stets makellos gebauten Szenen der Regisseurin Link nicht: „Exit Marrakech“ ist eine Geschichte, die vor sich selbst Reißaus nimmt, vor dem, was in ihr an Trauer und Zorn, an offenen Rechnungen und unterdrückten Gefühlen lauert. Und als sie diese Rechnungen endlich aufmacht, als sie zu der Familiensache kommt, um die es von Anfang an geht, da ist es schon spät, sehr spät in diesem Film.

Die undankbarste Rolle in diesem Spiel hat Ulrich Tukur, der zugleich den ewigen Rechthaber und eitlen Selbstdarsteller und den besorgten Vater geben muss. Dass er es schafft, seine Figur nicht zur Karikatur zu entstellen, rettet den Film vor der Familienähnlichkeit mit einer jener Schmonzetten vor afrikanischer Kulisse, die uns das Fernsehen fast allwöchentlich zur Hauptsendezeit serviert. Dagegen wirkt Samuel Schneiders Ben immer ein Stück zu brav; selbst nachdem er seine Spange bei einem marokkanischen Zahnarzt gelassen hat, legt er die Beißhemmung gegenüber Tukurs Heinrich nicht ab. Man wünschte sich, er würde zurückschlagen, als Tukur ihn ohrfeigt. Aber er steckt die Maulschelle nur traurig weg.

Vertrackte Familiengeschichten

Schließlich finden die beiden aber doch zusammen, und dafür inszeniert Caroline Link eine der seltenen Actionszenen ihren Filmen. Die Art jedoch, wie sie das tut, spricht für sich. Denn der Geländewagen, in dem Ben und Heinrich durch die Berge fahren, stürzt nicht krachend von der Piste, sondern schwebt zwei, drei lautlose Sekunden lang still über dem Abgrund, bevor die nächste Einstellung die Folgen des Sturzes zeigt. Ein amerikanischer Film hätte womöglich mit dieser Szene begonnen und alles übrige in Rückblenden daraus entwickelt.

Aber Caroline Link will uns ihre Geschichten nicht aufs Auge drücken. Wir sollen uns an sie gewöhnen, uns mit ihnen befreunden wie mit wirklichen Menschen. Dazu gehört auch, dass man ihre Schwächen erkennt, ohne sie gegen ihre Vorzüge aufzurechnen. „Exit Marrakech“ ist ein Film, mit dessen Schwächen man als Zuschauer gut leben kann. Das deutsche Kino wird weiter versuchen, mehr zu scheinen, als es ist. Und Caroline Link wird weiter ihre vertrackten Familiengeschichten erzählen. Das eine ist ein Geschäftsmodell. Das andere ist ein Weg.

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