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Video-Filmkritik : Im Gefühlsstau: „1. Mai“

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Bild: Delphi

Vier Personen aus der Provinz mischen sich in die Krawalle, die alljährlich zum Maifeiertag den Berliner Bezirk Kreuzberg heimsuchen. Alle haben unterschiedliche Erwartungen, doch alle sind sie vom Lebensfrust getrieben. Der Episodenfilm „1. Mai“ folgt ihren Spuren.

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          „Jede Geschichte muss von einem Protagonisten handeln, der unter großem persönlichem Druck steht.“ So steht es in der Produktionsvereinbarung der vier jungen deutschen Regisseure, die beschlossen haben, gemeinsam einen Film zum Thema „Berlin - 1. Mai“ (so der ursprüngliche Titel) zu drehen. Carsten Ludwig und Jan-Christoph Glaser, die Autoren und Regisseure der Episode „Ausflug“, Sven Taddicken, der die Geschichte „Yavuz“ inszenierte, sowie Jakob Ziemnicki mit der Story „Uwe“ hielten sich an die Regel. Alle ihre Personen, die sich an diesem 1. Mai 2006 in das Volksfest und den Krawall in Berlins Szenebezirk Kreuzberg stürzen, haben Grund, irgendeinen Frust loszuwerden: Jacob, der Erlebnistourist aus dem westfälischen Minden, will den Mord vergessen, den er zu Hause begangen hat („Ausflug“), den brandenburgischen Polizisten Uwe quält die offene Untreue seiner Frau, und der halbwüchsige türkische Junge Yavuz möchte sich und seinem großen Bruder beweisen, dass er kein Kind mehr ist.

          Was gehen uns solche Privatsachen an? Oder besser: Berühren uns diese Geschichten durch das, was die Regisseure daraus gemacht haben, in irgendeiner Weise? Zumindest stimmt es betroffen, mit anzuschauen, wohin ein Gefühlsstau manche Menschen treibt, aber auch, wofür der einst hart erkämpfte „Tag der Arbeit“ heute gerade gut genug ist: sich an einem „Gegner“ abzureagieren, der kein Gegner ist, um am nächsten Morgen mit dröhnendem Kopf zu Hause oder mit einem Verband im Urban-Krankenhaus aufzuwachen. Natürlich ist es auch interessant zu sehen, wie die drei Regieparteien die Geschichten geschickt ineinander verwoben haben und jede irgendetwas Pittoreskes an diesem Tag der falschen Rituale entdeckten: Rituale im Ritual wie den Barrikadenbau durch den gealterten linken Aktivisten Harry (Peter Kurth als bester Mann des Ensembles) oder eine spirituelle Sitzung, in die das Duo aus Minden (Jacob Matschenz als Jacob, Ludwig Trepte als dessen Freund Pelle) auf der Suche nach einem Kick stolpert. Oder wie Uwe (Benjamin Höppner) bei seinem Polizistenkollegen Martin (Torsten Michaelis) Beratung über sein Lebensproblem sucht, kein Schwächling sein zu wollen.

          Kein Platz für Reflexionen

          Die Urheber des Films laden eine gehörige Ladung Frust beim Zuschauer ab - ein gewisses Szenepublikum mag dies erheiternd finden. Aber liegt in dem einkalkulierten Lachen über die bösen Zwischenfälle des Lebens nicht eine Portion Zynismus? Gequälte Lustigkeit, wie sie schon Sven Taddickens preisgekröntes Kinodebüt „Emmas Glück“ auszeichnete, scheint hierzulande viel Anklang zu finden, womöglich, weil sie harte Lebensprobleme in Spaßkultur verwandelt und den Betrachter der eigenen Betroffenheit enthebt. Die Episode „Ausflug“ hätte noch die reichsten erzählerischen Möglichkeiten geboten, aber auch da lassen die gewollten Verknappungen der Reflexion keinen Platz, und die Vorliebe für Nahaufnahmen tut ein Übriges, gebannt auf das Augenscheinliche zu blicken.

          Der Zuschauer wird gleichsam immerfort vor den Kopf geschlagen. Man will uns überrumpeln, notfalls mit Musik. Als Garry, der müde gewordene Barrikadenbauer, zu einer wehmütigen Erzählung über vergangene Mai-Schlachten, bei denen einst das Kaufhaus Bolle in Flammen aufging, ansetzt, schlägt ihm sein jugendlicher türkischer Besucher kurzerhand eine Bierflasche über den Kopf.

          Larmoyanz und Aggressivität

          Der junge deutsche Film (oder ein Teil von ihm) konfrontiert immer wieder mit Unlust, Gefühlsstau und Aggressivität. Über diese Symptome filmisch nachdenken will oder kann er nicht. Vielleicht fehlt ihm eine wirkliche Liebe für die Figuren, die ihm bloßes Spielmaterial sind. Angestrengt lauscht man auf das Knirschen im Getriebe der Zeit, ohne die Maschinerie zu überblicken. Darum wirkt der Titel „1. Mai“ auch angemaßt oder wie böser Hohn. 1. Mai - da könnten und müssten wohl ganz andere Geschichten von verlorenen und zerstörten Hoffnungen erzählt werden.

          „Illusion, Illusion, nur nicht denken, sich verschenken, denn wer weiß, wo du morgen schon bist“, singt über dem Abspann eine weibliche Stimme, als müsse der Tristesse des Films ein Nachschlag Larmoyanz hinzugefügt werden. Oder wollte das Kollektiv hier in ferne Weltgegenden weisen, wo man den deutschen Klageton nicht mehr hören kann, nicht einmal im Kino?

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