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Video-Filmkritik : Im ewigen Rosenregen: „Hilde“

  • -Aktualisiert am

Bild: Warner Bros. Pictures

Hildegard Knefs Leben liefert ein Identifikationsmuster für eine ganze Generation zwischen Schuldgefühlen und Wohlstandsfrieden. Doch Kai Wessels filmische Biografie hetzt Heike Makatsch als „Hilde“ von Station zu Station und begräbt sie unter ewigem Rosenregen.

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          Biographien sind so alt wie die Literatur und biographische Filme so alt wie der Film. Der Drang, auf der Leinwand hinter Charaktermasken zu schauen, hat zugenommen: Allein in den letzten drei Jahren widmete Hollywood sich Johnny Cash, Bobby Darin, Ray Charles und den Supremes - und die Franzosen würdigten Edith Piaf. Oscar-Nominierungen waren den Titelhelden sicher, die Übergabe nicht ganz, aber 2006 ging der Goldmann an Reese Witherspoon für ihre June Carter, 2007 an Jennifer Hudson für eine der Supremes und 2008 an Marion Cotillard für ihre Edith Piaf.

          Eine fremdsprachige Oscar-Gewinnerin, das war so sensationell, wie es gewesen wäre, hätte 1973 Diana Ross, nominiert für ihre Billie Holliday, als erste schwarze Hauptdarstellerin den Oscar erhalten. Ob Regisseur Kai Wessel mit „Hilde“ einen vergleichbaren Coup plante, ist ungewiss. Dass aber Heike Makatsch für ihre Knef Favoritin beim Deutschen Filmpreis werden wird, steht so fest, wie dass man bei der Machart Amerika kopierte: die Rückblenden, Verknappungen und Zuspitzungen und Wechsel von Ausstattungsorgie zu Kammerspiel sind Hollywood, wenn auch ziemlich zusammengebasteltes.

          Wandlungen einer Unterhaltungskünstlerin

          Schaltzentrale ist die Garderobe der Knef in der Berliner Philharmonie, wo sie 1966 als erste Unterhaltungskünstlerin auftrat. Mal angstschlotternd, mal meditierend, memoriert sie dort ihr Leben. Eben noch Vamp on the rocks mit Dreifachlagen künstlicher Wimpern, blonder Mähne und Gepardenkörper im armfreien langen Schwarzen, wandelt Heike Makatsch sich zum staksigen jungen Mädel mit Seitenscheitel und Kriegsrehblick: erstes Vorsprechen 1943 bei der Ufa als Gretchen, (brillant, wie ihre Hilde hilflos mit den Armen rudert und doch vor Inbrunst glüht,) das geschickt eingefädelte Kennenlernen des „Reichsfilmdramaturgen“ und Nazis Ewald von Demandowsky (Anian Zollner), der russische Sturm auf Berlin, Hilde als Soldat verkleidet neben Demandowsky kämpfend, Gefangenschaft, Trennung.

          Zweiter Anfang als Schauspielerin dank Boleslaw Barlog (Sylvester Groth) und Erich Pommer (Hanns Zischler), Star 1946 durch „Die Mörder sind unter uns“, Heirat mit Kurt Hirsch, dem amerikanischen Leutnant jüdisch-tschechischer Herkunft, ein folgenloser Hollywood-Vertrag, der Skandal mit der „Sünderin“ nach ihrer Rückkehr, neuer Anlauf in Amerika, der Broadway-Triumph in Porters „Silk Stockings“. Karriereknick, die skandalumwitterte zweite Heirat, Chansonerfolge.

          Dilettantische Dramaturgie

          Mit dem frenetisch gefeierten Konzert in der Philharmonie und - natürlich - „Für mich soll's rote Rosen regnen“ endet der Film. Auftakt zu dem, was wohl ein furioses Finale sein soll, ist dabei ein Nervenzusammenbruch der Knef. Sie schreit wie ein Tier, fegt Texte und Make-up vom Schminktisch, zertrümmert den Spiegel, wälzt sich am Boden. Dass die tolpatschige Kamera Heike Makatsch den großen Auftritt verpatzt (statt ihrer sieht man plötzlich nur einen Tisch), ist das geringere Übel. Das eigentliche besteht im Drehbuch (Maria von Heland): Knalleffektgierig lässt es Else Bongers (Monica Bleibtreu), Mentorin aus Ufa-Zeiten, der Knef direkt vor dem Auftritt verraten, dass Erich Pommer gestorben sei. Pommer?, grübelt der Zuschauer, während Heike Makatsch außer sich gerät, als sei der männliche Hauptdarsteller gestorben.

          Schwamm drüber, dass man „dem Affen Zucker geben“ wollte, möglich, dass die wirkliche Knef so den Tod eines Lebensfreundes beklagte. Aber auf der Leinwand kulminiert in dieser Sequenz die quälend dilettantische Dramaturgie des Films - er kennt keine Haupt- und Nebenszenen, keine Entwicklung, keine Zusammenhänge, sondern stoppelt einzig Behauptungen zusammen; Hilde im Glück, Hilde im Pech, aber das Warum bleibt so lange offen, bis es nicht mehr interessiert.

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