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Video-Filmkritik : Völlig real und nicht ganz von dieser Welt

Bild: Nadja Klier

Dieser Film hat fast nichts gekostet, und man sieht es ihm in einem guten Sinn an: Michael Kliers „Idioten der Familie“ erzählt unverkrampft von einer Generation, der etwas fehlt.

          3 Min.

          Manchmal fragt man sich schon, ob es eigentlich immer Familien- und Heimatgeschichten sein müssen im deutschen Film. Oder Geschichten vom Essen. Der erfolgreichste einheimische Spielfilm der letzten Monate, Ed Herzogs Bayernkrimi „Leberkäsjunkie“, handelt von einem Dorfpolizisten mit Cholesterinproblemen, fast unmittelbar dahinter folgen die neuesten „Immenhof“- und „Ostwind“-Sequels, in denen es um familienbetriebene Reiterhöfe geht, und wer dann noch nicht begriffen hat, dass die Verkindlichung der Wirklichkeit die deutschen Kinokassen klingeln lässt, muss mit „Checker Tobi“, „Benjamin Blümchen“ und „Alfons Zitterbacke“ im Multiplex nachsitzen.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Hallo, möchte man da rufen, ist eigentlich noch jemand wach in den Fördergremien und Regieseminaren? Wo sind die Nonkonformisten, die aus dem wärmegedämmten Fachwerkhaus im Grünen in die große, böse, unübersichtliche Welt da draußen hinausschauen? Man darf jetzt schon gespannt sein, wie die Deutsche Filmakademie bei ihrer Preisgala im nächsten Frühjahr die Kluft zwischen dem Mut zum Risiko, den sie sich selbst litaneihaft zuspricht, und der süßlichen Idyllik ihrer publikumsträchtigsten Produkte überbrücken will. Jetzt, im Herbst 2019, hat jedenfalls der Eskapismus die Nase vorn.

          Der Preis für das ewige „Ich“

          Michael Kliers Film „Idioten der Familie“ passt scheinbar in dieses Muster. Auch er erzählt von all den Kümmernissen, die sich aus der Blutsverwandtschaft der Menschen ergeben, von Lügen und Loyalitäten, Schicksalsschlägen und Heimlichkeiten, vom Weggehen und Zuhausesein; und auch hier wird gemeinsam gegessen und gestritten, an einem Tisch, der wie ein großes Spielzeug aus der Kindheit übrig geblieben ist. Aber damit enden auch schon die Gemeinsamkeiten zwischen Klier und dem deutschen Mainstream. „Idioten der Familie“ ist erkennbar keine High-Budget-Produktion, dieser Film hat fast nichts gekostet, und das sieht man ihm an, in einem guten Sinn. Die Kamera von Patrick Orth bewegt sich mühelos auf engstem Raum, die Darsteller agieren so unverkrampft, wie man es selten bei deutschen Schauspielern erlebt, und die Regie hält einen Abstand zur handelsüblichen Erzählroutine, die in der heutigen Gemengelage etwas Befreiendes hat.

          Es geht um drei Brüder, Bruno, Tommie und Frederik, die ihre beiden Schwestern in ihrem gemeinsamen Elternhaus am Stadtrand von Berlin besuchen. Denn Helena, die Ältere, will heiraten, und deshalb muss Ginnie, die seit ihrer Geburt geistig behindert ist, ins Heim. Ginnies letzter Tag in Freiheit ist sorgfältig durchgeplant, mit gemeinsamem Spaghettiessen am Mittag und einem Ständchen aus Mahlers „Lied von der Erde“ am Abend. Aber der Plan geht selbstverständlich schief.

          Nächtlicher Ausflug: Lilith Stangenberg als Ginnie tanzt als Braut im Kleid der Schwester durch den Garten des Elternhauses.

          Um die Unordnung zu zeigen, die bei dem Versuch entsteht, familiäre Ordnung herzustellen, hat Klier eine einfache, aber wirkungsvolle Strategie. Er wirft seine Figuren nicht in einem großen Mischmasch zusammen, sondern teilt ihr Tun in lauter Zweierbegegnungen auf: Tommie und Frederik, die Musiker, am Fenster, Bruno, der Lehrer, und Helena, die Künstlerin, im Gartenhaus, Helena und Ginnie im Bad, Ginnie mit Frederik, Tommie oder Bruno allein in ihrem Zimmer. Das Bild, das der Film aus diesen Puzzleteilen zusammenfügt, ist das einer unfertigen, unerfüllten Generation: Jeder hat irgend etwas angefangen, aber keiner ist damit glücklich geworden, alle sind immer noch auf dem Weg zu sich selbst, dem Ich, von dem sie einmal geträumt haben. Und Ginnie, die nie „ich“ sagt, zahlt dafür den Preis.

          Ihr fehlen nur die Worte

          „Idioten der Familie“ ist der seltene Fall eines Ensemblefilms mit einer klar erkennbaren Hauptrolle. Denn obwohl Jördis Triebel als Helena und Florian Stetter, Hanno Kofler und Kai Scheve als Brüder wie ein gutes Jazzquartett bei einer Jam Session zusammen aufspielen, ist dies die Geschichte von Lilith Stangenbergs Ginnie. Was Ginnie genau fehlt, erfährt man nie, aber Stangenberg schafft es, ihre Figur genau so weit aus dem Rahmen der Normalität zu rücken, dass sie völlig real und zugleich nicht ganz von dieser Welt ist.

          Ginnie scheint alles zu begreifen, was mit ihr passiert, ihr fehlen nur die Worte, um es auszudrücken. Und so schaut sie schweigend zu, wie ihr Leben genau in dem Augenblick abgewickelt wird, in dem sie mit sechsundzwanzig Jahren endlich das erfährt, was man Liebesglück nennt. Einmal sieht man sie im Hochzeitskleid ihrer Schwester nachts durch den Garten irren. Eigentlich ist sie die Braut, die hier verheiratet werden müsste.

          Der Regisseur Michael Klier hat in vierzig Jahren nur sechs Spielfilme gedreht, darunter Meisterwerke wie „Ostkreuz“ und „Überall ist es besser, wo wir nicht sind“ und komplizierte Kammerspiele wie „Farland“ und jetzt „Idioten der Familie“. Ein Außenseiter der Branche. Aber es sind solche Außenseiter, denen wir es verdanken, dass sich im deutschen Film noch etwas bewegt.

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