https://www.faz.net/-gs6-6ykvm

Video-Filmkritik : „Hunger Games“: Die Göttin des Gemetzels

Bild: Studiocanal

Die Verfilmung des ersten Teils der märchenhaft erfolgreichen Trilogie „Hunger Games - Die Tribute von Panem“ kommt jetzt ins Kino. Sie zeigt eine besondere Variante der Castingshow.

          Die Männer und Frauen, die über ihre Talente als Kämpferin urteilen sollen, haben nur Augen für das gerade aufgetischte Buffet. Da greift Katniss zum Bogen und schießt einen Pfeil durch ihre Reihen hindurch direkt in den Apfel, den das Spanferkel im gebratenen Maul trägt. Auf einmal kann es sich keiner mehr leisten, das Mädchen zu ignorieren.

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          Weiß Katniss, was sie da tut? Ist sie blind vor Wut über die Missachtung, ist sie naiv oder einfach so clever, dass sie sich mit einer kalkulierten Provokation das Wohlwollen der Juroren sichern will? Wird sie gerade zum Teil eines Systems, das auf Ausbeutung und Mord basiert? Oder wird sie dessen Opfer?

          Gemetzel nach Losverfahren

          Man kann den Film „The Hunger Games - Die Tribute von Panem“ nach Suzanne Collins’ Jugendbuch-Bestseller, der jetzt ins Kino kommt, kaum angemessen beurteilen, ohne diese Frage zu stellen. Das Buch spielt in einem Staat auf dem Boden Nordamerikas, dessen zwölf Provinzen von einer Zentrale namens Kapitol diktatorisch regiert werden. Jede Provinz ist für die Produktion einer bestimmten Ware zuständig - Distrikt 3 liefert Technologie, Distrikt 5 Strom, Distrikt 8 Textilien und Distrikt 11 landwirtschaftliche Güter. Eine Rebellion gegen die Zentralregierung vor bald 75 Jahren endete mit dem Sieg des Kapitols. Seither muss jede Provinz einmal jährlich einen Jungen und ein Mädchen zwischen zwölf und achtzehn Jahren zum Kapitol schicken. Dort wirken sie an einem mehrtägigen Gladiatorenspiel mit, das mit Hunderten Kameras live in alle Distrikte übertragen wird. Sieger ist, wer seine 23 Konkurrenten überlebt - ein Mörder auf einem Leichenberg, Täter und Opfer zugleich, vor den Augen der Welt.

          Abführen zum Gladiatorenspiel auf Leben und Tod: Jennifer Lawrence als Katniss in „Die Tribute von Panem“

          Collins’ Geschichte und auch der Film setzen ein, als wieder einmal Abgesandte des Kapitols durch die Distrikte reisen, um die Auswahl der Teilnehmer per Los zu überwachen. Katniss springt spontan für ihre kleine Schwester ein, die das Los getroffen hatte. So reist sie mit dem ebenfalls ausgelosten Peeta nach Kapitol, absolviert ein kurzes Waffen- und Geschicklichkeitstraining, bevor sie mit den anderen auf dem Spielgelände ausgesetzt wird, einem Wald mit wenigen Lichtungen. Und das Gemetzel beginnt.

          Der Schrecken aus der Gegenwart

          Es ist nicht einmal vier Jahre her, seit Collins im Herbst 2008 den ersten Teil ihrer „Hunger Games“-Trilogie veröffentlichte. Inzwischen sind weltweit knapp 20 Millionen Exemplare verkauft worden, Collins hat Auszeichnungen gewonnen, darunter den deutschen Jugendliteraturpreis, sie erschien auf der Forbes-Liste der 100 einflussreichsten Persönlichkeiten, ihre Bücher werden von Kritikern gefeiert und in zahlreichen Schulen gelesen.

          Natürlich liegt es nahe, die 1962 in New Jersey geborene Autorin, die schon früh Drehbücher schrieb und später mit der „Gregor“-Kinderbuchserie ihren Durchbruch erlebte, mit Joanne K. Rowling, Cornelia Funke oder Stephenie Meyer zu vergleichen. Sie alle erkannten das Potential des lange belächelten Jugendbuchmarkts und schufen mehrbändige Fantasyromane, die märchenhafte Auflagen erlebten. Doch Collins’ Dystopie unterscheidet sich grundlegend von Rowlings Hogwarts, Funkes „Tintenwelt“ oder Stephenie Meyers verregnetem Vampirtummelplatz an der kanadischen Grenze. Collins nimmt die beunruhigendsten Erscheinungen unserer Gegenwart zum Ausgangspunkt, um sie in ein Szenario von großer Wucht, mitunter auch großer Grausamkeit zu überführen.

          Sie können Schein und Sein nicht mehr trennen

          Sie geht von den allgegenwärtigen Castingshows und anderen Reality-TV-Formaten aus, von der kollektiven Bereitschaft, das Privateste preiszugeben, und von unserer Vertrautheit als Zuschauer mit solchen Programmen. Wie aber, fragt sie, sähe es aus, wenn unser gleichzeitiger Hunger nach Authentizität Monster gebiert wie derlei Gladiatorenspiele auf Leben und Tod? Und was wäre, wenn wir die Möglichkeit hätten, auf den Ausgang Einfluss zu nehmen - nicht, indem wir per Telefon den Dschungelkönig küren, sondern durch Spenden für Care-Pakete an besonders sympathische Teilnehmer bestimmen, wer das Gemetzel überlebt?

          Hieraus entwickelt der Film seine besten Momente. Dass Katniss, gespielt von Jennifer Lawrence, die für ihre Rolle in „Winter’s Bone“ für den Oscar nominiert worden ist, den Kampf in der Arena gemeinsam mit Peeta überlebt, wird überhaupt nur möglich, weil beide von Anfang an begriffen haben, dass sie ständig unter Beobachtung stehen, dass also jede private Regung sofort öffentlich wird. Wer sich in dieser Lage am besten darstellt, bekommt die lebensrettende Aufmerksamkeit der Zuschauer. Am allerbesten aber stellt sich derjenige dar, der so authentisch wie möglich erscheint. Und wenn dann noch die öffentliche Inszenierung von Verliebtheit ins Spiel kommt, wie sie der schlaue Peeta betreibt, ist die Grenze zwischen Schein und Sein nicht nur für die Zuschauer heillos verwischt, sondern auch für die Handelnden.

          Die Kamera hält begierig drauf

          So wechselt Gary Ross’ Film ständig die Perspektive. Wir sehen die Kämpfe, die Flucht durch den Wald, das Sterben der Teilnehmer, wie es auch die Zuschauer in den Distrikten sehen. Dann wieder sehen wir dem Regisseur der Spiele in seinem Kontrollzentrum über die Schulter, wie er (die „Truman Show“ lässt grüßen) mit Schiebereglern das Wetter und die Tageszeiten so leichthin ändert, dass wir künftig keinem romantischen Sonnenuntergang mehr trauen werden. Oder wie er auch mal am digitalen Reißbrett ein Monster erschafft. Der Handwerkerstolz über das perfekt animierte Wesen leuchtet ihm in den Augen, dann lässt er die Kreatur auf die Gladiatoren los, wo sie laut hechelnd den fiesesten der Kämpfer zerreißt. Ganz echt. Seine Eltern sehen vor dem Fernseher zu.

          Collins ist gewieft genug, der auffälligen Informationsüberflutung ein unauffälliges Informationsdefizit gegenüberzustellen. Die Bewohner der Distrikte haben Zugang zu einer einzigen Informationsquelle - dem einzigen landesweit verbreiteten Fernsehkanal. Es gibt weder Radio noch Zeitung, vom Internet ganz zu schweigen. Trotzdem bedienen sich Katniss und Peeta während ihrer Gladiatorenzeit der Medien, indem sie für emotionale Momente sorgen - wenn Katniss etwa die kleine Rue tröstet, dann tut sie das mit großer Geste. Die Kamera hält begierig drauf. Und hat, ohne es zu wissen, gerade in Rues Heimatbezirk das Zeichen zum Aufstand in die Wohnzimmer getragen.

          Weiß Katniss also, was sie tut? Dass dies für den Zuschauer manchmal kaum zu entscheiden ist, unterstreicht die Klasse des Films. In diesen Momenten macht er uns zu Komplizen und emanzipiert sich damit gleichzeitig von der Vorlage, der das naturgemäß verwehrt ist. Im Buch erzählt Katniss ihre Geschichte, und es gibt dabei kein Anzeichen, dass wir ihr nicht trauen dürften. Aus der Ich-Erzählerin des Romans wird im Film nun eine Darstellerin, die wir in entscheidenden Situationen exakt so sehen, wie sie die Zuschauer in den zwölf Distrikten erleben. Was in ihr vorgeht, wissen wir nicht. Dass aber niemand die Gladiatorenspiele als Sieger verlässt, gehört zu den dringlichsten Warnungen dieses Films wie der gesamten Trilogie.

          Weitere Themen

          „Bumblebee“ Video-Seite öffnen

          Trailer : „Bumblebee“

          Am 20. Dezember kommt der Prequel des 2007 Transformers „Bumblebee“ in die deutschen Kinos. Im Mittelpunkt steht der gleichnamige Transformers-Charakter.

          „Herbstsonate“ Video-Seite öffnen

          Trailer : „Herbstsonate“

          „Herbstsonate“, 1978. Regie: Ingmar Bergman. Darsteller: Ingrid Bergman, Liv Ullmann, Lena Nyman.

          Topmeldungen

          FAZ Plus Artikel: F.A.Z.-Interview : Merz traut sich ein Ministeramt zu

          Der unterlegene Kandidat für den CDU-Vorsitz ist bereit, „mit ganzer Kraft in die Politik zu gehen“. Ein exklusives Gespräch mit Friedrich Merz über seine Ambitionen, seine Rede auf dem Parteitag und über Gerüchte, mit denen er nichts anfangen kann.

          Autoversicherungen : Junge Fahrer zahlen drauf

          Endlich volljährig – endlich das eigene Auto. Doch junge Fahrer günstig zu versichern, ist fast unmöglich. Mit einigen Kniffen kann man dennoch sparen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.