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Video-Filmkritik : Hingeworfen in die Ecke der Gesellschaft

  • -Aktualisiert am

Bild: Prokino

Held der Emanzipation: Das Kinodrama „Der Butler“ erzählt vom schwarzen Dienstboten im Weißen Haus. Die Lektion des Films ist derart gewichtig, dass nur ein Riesenaufgebot an Stars sie schultern kann.

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          Die rassistische Folklore liebt den Gesichtsverlust. Ende des neunzehnten Jahrhunderts färbten sich weiße Amerikaner das Gesicht mit Schuhcreme und schufen so den schwarzen Unterhaltungsclown. Plusterlippen, Dauergrinsen, aufgerissene Augen - das war der Neger, wie man ihn verlachen und verachten konnte. „Wir haben zwei Gesichter“, sagt der Titelheld in Lee Daniels’ Kinodrama „The Butler“, „unser eigenes und jenes, das wir den Weißen zeigen.“ Das ist die umgekehrte Version der Minstrel-Show: Man übermalt sein Antlitz mit den Vorstellungen der anderen, und wehe, dieses Make-up verrutscht. Es kann einen das Leben kosten.

          Die Anfänge der Mimikry

          Forest Whitaker spielt diesen Butler namens Cecil Gaines. Vier Jahrzehnte lang arbeitet er im Weißen Haus, von den späten Fünfzigern bis Mitte der achtziger Jahre. Die Präsidenten kommen und gehen, aber die stoische Miene des Dieners ändert sich nie. Whitakers Gesicht ist eine Maske der Servilität, der Blick geht ins Nirgendwo, die Lippen sind aufeinandergepresst - eine fast schon allegorische Darstellung von Diskretion.

          „Sie dürfen sich niemals bedroht fühlen“, sagt man dem kleinen Jungen, aus dem später ein Angestellter des Weißen Hauses werden wird. Kurz zuvor hatte ein Plantagenbesitzer seine Mutter vergewaltigt und danach den Vater ermordet, 1926, auf den Baumwollfeldern von Georgia. Hier liegen die Anfänge der Mimikry, die letztlich eine Kunst des Verschwindens ist.

          Ein Riesenaufgebot an Stars

          Die Lektion des Films ist derart gewichtig, dass nur ein Riesenaufgebot an Stars sie schultern kann, so legt es jedenfalls die Besetzung nahe. Oprah Winfrey, laut „New York Times“ die mächtigste Frau der Welt, als Lebensgefährtin von Gaines, Robin Williams als Eisenhower, John Cusack als Nixon, Alan Rickman als Ronald Reagan, Jane Fonda als dessen Frau Nancy - allesamt geschickte Übersetzungsleistungen von Starphysiognomien in historische Vorlagen

          Man verbringt viel Zeit in den Fluren und Bankettsälen des Weißen Hauses, im Oval Office - der Butler hat Zugang zur Zentrale der Macht, gerade weil er mit dem Interieur verschmilzt. In seiner Gegenwart lässt sich Brisantes besprechen, Vietnam, Watergate, er ist ja nur ein Zeitzeuge, der nichts bezeugen will als das bescheidene Glück der eigenen Biographie.

          Der Eckensteher der Weltpolitik

          Und ist sie nicht gelungen? Von der Rolle des „Hausnegers“ zum Chefbutler in Washington mit Eigenheim in Suburbia - das lässt sich doch sehen. Ja, aber erkennen kann man an so einer Vita nichts mehr, sagt der Film. Sie ist nur ein Sichwegducken. Was ist denn mit der Vision von Martin Luther King, dass „unsere Kinder eines Tages in einer Nation leben werden, in der man sie nicht nach ihrer Hautfarbe, sondern nach ihrem Charakter beurteilt“, wenn dieser Charakter nicht wirklich Gestalt annehmen darf?

          Der Schwarze sei „hingeworfen in die Ecken der Gesellschaft“, sagte King, und so muss der Butler, dieser buchstäbliche Eckensteher der Weltpolitik, doch noch Farbe bekennen, ein Afroamerikaner sein und kein opportunistisches Bleichgesicht. Die Regie von Daniels ist konfrontativ, auch wenn der Film Amtszeiten von Johnson bis Reagan abhakt und sich dramaturgisch eher an der Fernseh-Miniserie als am Kinodrama orientiert. Die Herausforderung liegt in der Einsicht, dass es dieses zweite private Gesicht nicht geben kann, dass es irgendwann genauso zugerichtet sein wird wie jenes, das man der Gesellschaft präsentiert.

          Bild der Hoffnung

          „Mich interessiert nicht, was im Weißen Haus passiert!“, blafft Gaines bei einem Streit: „Mich interessiert, was in meinen Haus passiert!“ Aber Louis (David Oyelowo), sein ältester Sohn, weiß längst, dass Amtssitz und Vorortdomizil dieselbe Adresse haben: Amerika, geprägt vom Albdruck des Rassismus und von den Träumen des Dr. King.

          So muss der Alte die Livree, die ihn bis in die innersten Regungen hinein uniformiert hat, schließlich abstreifen und vom Sohn sogar Gegenkultur lernen und demonstrieren; am Ende sitzen sie wegen Ruhestörung gemeinsam in einer Zelle. Das ist der Schulterschluss zweier Generationen und ein Bild der Hoffnung: dass, wie Dr. King versprach, „die Wirbelstürme des Aufruhrs weiterhin die Fundamente der Nation erschüttern werden“.

          Die düstere Gegenwart

          Die Gegenwart ist eher düster, auch wenn der „Aufruhr“ mit Obama ansatzweise institutionalisiert wurde. Der Ku-Klux-Klan ist heute eine Lachnummer in Tarantino-Filmen, die „Nur für Weiße“-Plätze in Bussen sind abgeschafft, und es braucht keine Nationalgarde mehr, um schwarze Studenten ins College zu geleiten. Aber dann erschießt ein Nachbarschaftswächter einen afroamerikanischen Jugendlichen, der unbewaffnet ist, und wird freigesprochen.

          In den Gefängnissen sitzen sechsmal mehr Schwarze als Weiße, die Farbigen-Arbeitslosenquote ist doppelt so hoch wie die der weißen Bevölkerung, die Wirtschaftskrise beutelt vor allem die schwarze Mittelschicht. Welche Vorstellung von gesellschaftlicher Identität und Teilhabe lassen wir uns also auftischen?, fragt der Film von Daniels. Und betont, bei aller Anerkennung: Das Modell des Butlers ist Geschichte.

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