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Video-Filmkritik : Harmlos und überzeichnet: „Tintenherz“ im Kino

Bild: Warner

An diesem Mittwoch wird Cornelia Funke fünfzig, am Donnerstag läuft die Verfilmung ihres großen Fantasyromanerfolgs „Tintenherz“ in den Kinos an - ein enttäuschendes Geschenk mit einem Vorleser zum Abgewöhnen.

          3 Min.

          Zwei Szenen machen gleich zu Beginn klar, wo hier der Hase läuft. Beide spielen in einem Schweizer Antiquariat. In der einen sieht man den plüschäugigen Buchrestaurator Mo durch die Kellerräume gehen, wo plötzlich ein Wispern aus einem der Bücherstapel ertönt. In der anderen Szene entdeckt Mos Tochter in einer Ramschkiste ein Exemplar von Louise Fitzhughs Jugendbuchklassiker „Harriet“, dessen Heldin ein Mädchen ist, das Schriftstellerin werden möchte und deshalb ständig ein Notizbuch mit sich führt, in das sie ihre Beobachtungen einträgt.

          Tilman Spreckelsen
          Redakteur im Feuilleton.

          Beide Szenen finden sich nicht in Cornelia Funkes millionenfach verkauftem Bestseller „Tintenherz“, den Iain Softley nun verfilmt hat, und sie zeigen schon früh, in welchem Spannungsfeld zwischen Treue zur Vorlage und Mut zum eigenen Akzent sich der Film bewegt: Denn das Eigenleben, das die Bücher in „Tintenherz“ in jeder Hinsicht besitzen, äußert sich hier sehr schön im Wispern aus dem Regal - Mo (Brendan Fraser), dessen herausstechendes Talent darin besteht, dass sein Vorlesen die geschilderten Dinge real werden lässt, hat es auf einmal mit einem Objekt zu tun, das sich diese Dominanz nicht mehr bieten lässt und einfach zurückflüstert.

          Gnädiger Verzicht auf den Cliffhanger des Buches

          Und Meggie, die im Buch erheblich passiver auftritt, im Verlauf des Films dagegen mit ihren scheinwerfergrell beleuchteten blonden Haaren buchstäblich eine Gloriole verpasst bekommt, zeigt schon früh, dass es sie zum Schreiben drängt, komme, was wolle. In der Schlussszene wird sie nicht mehr fremde Worte vorlesen und damit ihre Welt vor dem Bösen bewahren, sondern eigene, die sie in Ermangelung von Papier schnell auf ihre Hand geschrieben hat: Jetzt ist sie Schriftstellerin aus eigenem Recht.

          Bis dahin folgt der Film aus dem Haus der „Herr der Ringe“-Produzenten im Großen und Ganzen Funkes Buch, das er allerdings notgedrungen und nicht ungeschickt rafft: Mo hatte aus einem Roman namens „Tintenherz“, das der italienische Autor Fenoglio verfasste, durch lautes Vorlesen eine Horde übler Mafiosi in die reale Welt überführt, während gleichzeitig seine Frau Resa in das Buch hineingeraten war. Auf der Flucht vor den Schlägern und deren Hauptmann Capricorn zieht Mo mit Meggie durch die Lande und trifft zu Beginn des Films auf den Feuerartisten Staubfinger, der ebenfalls aus Fenoglios „Tintenherz“ stammt, sich aber - anders als die Mafiosi - heftig ins Buch zurückwünscht, weil seine Familie dort auf ihn wartet.

          Unterwegs lesen sie Meggies bücherliebende Großtante Elinor auf, Capricorn verschleppt sie zusammen mit Fenoglio in ein italienisches Bergdorf, sie treffen auf allerlei ebenfalls aus Büchern herausgelesene Kreaturen wie fliegende Affen, Einhörner und einen Minotaurus und bieten in einem aufwendig inszenierten Finale Capricorn die Stirn. Auch Meggies Mutter findet sich wieder, und selbst das Exil Staubfingers in der ungeliebten Realität, die eigentlich als Cliffhanger für den nächsten Band der Trilogie dient, hebt der Film gnädig auf: In einer kitschigen Schlussszene eilt der Gaukler, den Paul Bettany ansonsten angenehm düster irrlichtern lässt, umwogt von Kornähren und Geigenklängen, seiner schönen Frau entgegen - dann kommt der Abspann.

          So lockt man keine Buchfigur zwischen den Seiten hervor

          Der Wille zum vorweihnachtlichen Familienfilm ist unübersehbar, übrigens auch, dass der Film sein Publikum nicht zuletzt in den Vereinigten Staaten sucht (so ziehen sich aufdringliche Hinweise auf den „Zauberer von Oz“ durch den Film), und so ist das Ganze erheblich glatter, auch harmloser geraten, als es der Stoff verdient hätte - dafür sind Ausstattung und Special Effects vom Feinsten, es wirbelt und brodelt, leuchtet und zischt, wenn das finstere Ungeheuer mit den glühenden Augen über dem Bergdorf aufsteigt, und wenn es sich danach nicht so schrecklich tapsig anstellen würde, müsste man sich Sorgen um den Nachtschlaf der jungen Zuschauer machen.

          Die allgemeine Glätte wäre aber zu verschmerzen, könnte man mit Softleys Interpretation von Mos und Meggies Talent einverstanden sein. Vorlesen und dabei die Dinge lebendig machen - für diesen Film heißt das: unerträglich pathetisch, mit übertriebener Betonung, geradezu komödiantenhaft sprechen, so jedenfalls, dass keine Bücherfigur, die ihre fünf Sinne beisammen hat, dadurch zum Verlassen der Seiten bewegt werden kann.

          Oder haben sie vielleicht andere Motive? Der junge Orientale Farid, den Mo aus „1001 Nacht“ zusammen mit Ali Babas Schätzen herausgelesen hat, sagt am Ende zum heimwehkranken Staubfinger: „Ich möchte nicht zurück in meine stinkige Welt.“ Dann freilich ist er bei Mo und Meggie richtig. Ob es ihm dort nicht schon bald recht langweilig werden wird, steht auf einem anderen Blatt.

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