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Video-Filmkritik : Haarspray der Entschlossenheit

Bild: Concorde

Margaret Thatcher war der einzige Mann im Kabinett, aber eine Herz-Dame. Phyllida Lloyds Film „Die Eiserne Lady“ verhilft Meryl Streep mit Recht zum dritten Oscar.

          3 Min.

          Es war einmal auf einer verwunschenen Insel voller Puritaner, Teestunden, Feenmärchen, Kekse und Imperialismus, da lebte eine junge Krämerstochter, die exakt aussah wie Gillian Anderson in Süß (Alexandra Roach). Von ihrem Vater hatte sie gelernt, dass man Menschen nichts schenken darf, wenn sie in Not geraten, weil die sonst etwas verlieren, das noch die Ärmsten adelt, nämlich ihre Selbstachtung. Eines Tages beschloss sie, das von Misswirtschaft, ungewaschener Unvernunft der arbeitenden Bevölkerung, unbegreiflichem Verwaltungspfusch und adliger Erbvertrottelung aufgefressene Prestige ihrer Insel mittels unpopulärer Maßnahmen wiederherzustellen.

          Die Leute fühlen heute nur noch, sie denken nicht mehr: Meryl Streep gibt die ungerührte „Eiserne Lady“
          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Um dem mühsamen Job gewachsen zu sein, verwandelte sie sich in Meryl Streep, ließ sich eine bedrohliche Betonfrisur auf den Kopf schrauben, nahm Rhetorik-, Atem- und Volkswirtschaftslehrestunden, wurde zur obersten Landesgouvernante gewählt und ruinierte mit harter Hand zügig den letzten Rest sozialen Zusammenhalts der noch nicht von Misswirtschaft, ungewaschener Unvernunft der arbeitenden Bevölkerung, unbegreiflichem Verwaltungspfusch und adliger Erbvertrottelung zugrunde gerichteten Segmente des Gemeinwesens.

          Weil diese Riesenarbeit sie nicht auslastete, drosch sie nebenbei eine Schneise für ihr bis dahin in der großen Politik der Insel kaum respektiertes Geschlecht frei, zermalmte einen gewaltigen Bergarbeiterstreik, schlug der faschistischen argentinischen Militärjunta auf die Lederhandschuhpfoten, als ein kaum bewirtschafteter Außenposten des von der Krämerstochter beherrschten Inselstaates die Faschisten in Diebeslaune versetzte, und überlebte mindestens einen Mordanschlag.

          Reden, Ideen und clevere Befehle

          Niemand möchte nach den Rezepten der Dame (mit denen man gerade die Griechen traktiert) kaputtregiert werden; ein Denkmal aber hat sie natürlich verdient - alles menschenmaßstäblich Imposante verdient eins. Bloß, wie soll das aussehen? Eine sechs Kilometer hohe, unzerstörbare Pralinenschachtel aus Titan und Juwelen? Man hat sich stattdessen für einen Film entschieden.

          Der bietet keine übertriebenen ästhetischen Höhen und Tiefen, macht aber fast so viel Spaß, wie die Heldin beim Kommandieren gehabt haben muss. Seht nur: Sie tritt ins Parlamentsgebrüll wie Braveheart unter die gepanzerten Schlächter, jagt alle Feinde vor sich her und fürchtet weder Labour noch Laber. Phyllida Lloyd liefert an diesen Stellen Kampfkino wie aus Asien. Statt Tritten und Schlägen setzt es freilich Reden, Ideen, clevere Befehle. Sehr nett. Und nunmehr auch zweifach oscargekrönt (für Meryl Streep und ihr Make-up).

          Altersdement und abwesend

          Der Rahmen des Ganzen ist die greise Pantherin im Käfig: altersdement, von impertinent wohlmeinenden Bedienten umsorgt, von den Geistern der Liebsten, der Unerreichbaren heimgesucht, und hinter tausend tödlichen Tapetenmustern keine Welt. Vier bis fünf Stunden Schlaf sind genug. Der geliebte Sprössling lebt weiß Gottwo, er lässt sich nicht herbeibefehlen.

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