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Video-Filmkritik: „Guardians of the Galaxy“ : Sternzeichen Waschbär mit Riesenknarre

Bild: Disney

Ein zynischer Waschbär, ein gütiger Baum und ein Häuflein verpeilter Helden erfrischen das Universum in James Gunns Marvel-Verfilmung „Guardians of the Galaxy“.

          4 Min.

          Als der Plan gefasst war, die neueste Marvel-Comic-Verfilmung „Guardians of the Galaxy“ ausgerechnet dem einigermaßen unberechenbaren Regisseur James Gunn zu übertragen, müssen sich die Krawatten der Finanzmanager bei Marvel Studios mit kaltem Angstschweiß vollgesogen haben. Denn Gunn ist in Hollywood dafür bekannt, dass er mit Fleiß und Vorliebe gerade das anrempelt und lächerlich macht, worum es bei „Guardians of the Galaxy“ vor allem geht: Superhelden und die denkbare faszinierende Vielfalt hypothetischen außerirdischen Lebens.

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Von wegen Ehrfurcht: Außerirdisches Leben ist bei Gunn in „Slither“ (2006) ein Berg aus stinkendem Unschlitt ohne Seele; und der Superheld als solcher wird in seiner bösen Komödia „Super“ (2010) als emotional zurückgebliebenes, verhaltensgestörtes und von autoritären Gewaltphantasien besessenes Wrack vorgeführt.

          Makellose Hommage an Spielberg

          Mit dem Wissen bewaffnet, dass man Gunn jederzeit einen respektlosen, aber nicht herzlosen Film zutrauen darf, setzt man sich also ins Kino zu „Guardians of the Galaxy“ - und erlebt zunächst einen Film, der ganz anders ist als alles, was man von Gunn erwartet hätte: Ein Junge verliert seine Mutter an eine tödliche Krankheit und wird, bevor er daran zerbrechen kann, von einem Raumschiff in ein großes Abenteuer entführt. Die ganze Sequenz ist in Bildfindung, Licht und Tempo eine makellose Hommage an Spielberg zu dessen stärkster Zeit - der Ära von „E.T.“ (1982). Sie übertrifft an Vorbildtreue sogar die weiter ausgreifende Huldigung an dasselbe Vorbild, die J.J. Abrams mit dem Spielfilm „Super 8“ (2011) ins Werk gesetzt hat.

          Erst nach diesem kleinen Virtuosenstück also lässt Gunn den Rabauken raus, das aber kraftvoll - sein Held ist der entführte Junge als Erwachsener, der sich jetzt „Starlord“ nennt und mit gepfefferter Unbekümmertheit durchs Weltall tänzelt und randaliert, wie er’s braucht.

          Chris Pratt hat sichtlich Spaß an der Rolle - und reißt in seiner Freude das restliche Kernensemble mit: Zoe Saldana zeigt sich gelenkig als Profimörderin Gamora, Dave Bautista liefert eine stämmige Vorstellung als verbitterter Kriegsüberlebender Drax, dem man die Familie genommen hat, Bradley Cooper erweckt die Lieblingsfigur aller „Guardians“-Fans, den cleveren, struppigen und nihilistischen Waschbären Rocket Raccoon, zu elektrisiertem Leben (in der deutschen Synchronisation überzeugt Fahri Yardim). Von Rockets bestem Freund Groot, einem humanoiden Baum mit goldenem - na ja: hölzernem - Herzen, hört man zwar (fast) immer nur einen Satz, den dafür aber mit Überzeugung und stetig wechselnder Tiefenbedeutung: „I am Groot.“

          Die Wirklichkeit zu Kartoffelbrei zermanschen

          So also sehen die fünf aus, die den wahnsinnigen Tyrannen Thanos aufhalten sollen. Der sagt von sich, Politik langweile ihn, weshalb er seine Opfer, statt sie zu unterwerfen, lieber gleich ausrottet. Zur Hand geht ihm dabei „Ronan the Accuser“, ein beknackter ethnischer Säuberer aus dem Volk der Kree, dem wiederum eine Thanos-Tochter assistiert, die tödliche Nebula - endlich kann Karen Gillan, die von „Doctor Who“-süchtigen Fernsehfreaks seit Jahren vor allem für ihre rote Mähne geliebt wird, auch mal zeigen, was sie außer Haaren mitbringt (hier ist sie kahl, blauhäutig und bezaubernd fanatisch).

          Der Plot ist straff: Starlords kleine Truppe muss dem scheußlichen Ronan ein Objekt vorenthalten beziehungsweise entreißen, das zu den Bauteilen eines Geräts zählt, mit dem man die Wirklichkeit zu Kartoffelbrei zermanschen kann oder irgend so etwas - die Zusammenhänge dahinter verbinden diesen Film unter anderem mit Joss Whedons „Avengers“ (2012) und „Thor: The Dark Kingdom“ (2013), vor allem aber mit Tausenden von Comicseiten - lesen Sie „Infinity“, lesen Sie „Annihilation“, lesen Sie Schränke voller Heftchen, oder lassen Sie’s bleiben -, je nachdem, wie sehr Sie absolut nutzloses, aber faszinierendes Wissen mögen.

          John C. Reilly und Glenn Close als Edelstatisten

          Den Film, um den es hier geht, begreift und genießt man auch ohne all das. Die dramaturgischen Probleme, die er sich einhandelt, weil das Quellenmaterial so umfangreich ist, löst Gunn mit Waffengewalt, Herzensbildung und zahlreichen frisch gepflückten Anspielungen auf gute Musik von früher, fiktive Technik von übermorgen und Kevin Bacon.

          Im Mittelpunkt der Veranstaltung steht ohnehin nicht die Handlung, sondern die rege wechselseitige Talentbefeuerung der Stars und Nebenfiguren - besonders erwähnenswert: Benicio Del Toro als outrierter Sammler unirdischer Skurrilitäten, John C. Reilly und Glenn Close als Edelstatisterie, Sean Gunn - Bruder des Regisseurs, als komische Bohnenstange im Hintergrund - und vor allem der mit Sandpapier festlich blau geschmirgelte Michael Rooker, der schon in „Slither“ als zuckender Fleischbatzen zu begeistern wusste und hier als amoralischer Brigant Yondu Udonta einen heimlichen Ehrenmann im Halsabschneiderkostüm gibt, der dem bekannteren Personal hin und wieder minutenweise fast die Show stiehlt.

          Ein paar sympathische Scherze

          James Gunn hat ihnen allen freie Bahn gegeben - aber eben nicht getan, was manche von ihm erwarteten: Er hat das Superheldengenre nicht verhöhnt. Wo er sich doch ein paar Scherze damit erlaubt, wirken sie eher wie die Witze, die intelligente Heranwachsende über Sex reißen, um ihr heimliches Erschauern vor der Tragweite der Sache zu kaschieren. Das ist sympathisch, ja, man darf dafür wohl sogar einen Fachausdruck bemühen, den Aristoteles und Adorno in ihren jeweiligen Theorien des Ästhetischen zu Unrecht vernachlässigt haben: süß.

          Zwischen dieser Süße und einer granitenen Monumentalität, wie die Erweiterung des Marvel-Kino-Kosmos ins Außerirdische sie hätte mit sich bringen können, hat sich Gunn für Erstere entschieden - ohne Schaden, in weiser Selbstbeschränkung.

          Mit kindlichem Staunen

          Denn wo der Film etwa die riesigen Überreste eines toten Angehörigen der mysteriösen Spezies der Celestials zeigt, einer Gattung also, die zu den imposantesten Design-Einfällen des unsterblichen Jack Kirby zählt, der wohl der größte Künstler war, der je für Marvel gearbeitet hat (auch den Baumriesen Groot hat er erfunden), da sieht dieser gefällte Riese als sein eigenes Hünengrab auf der Leinwand eben sowieso nicht halb so ehrfurchtgebietend aus wie bei Kirby, der nun mal Kosmisches kosmischer aussehen ließ als je zuvor und je seither irgendwer sonst.

          Vielleicht braucht man, um etwas erfinden und zeigen zu können, das über den kollektiven menschlichen Horizont geht, einfach die dem kindlichen Staunen eng verbundene Charaktereigenschaft der Unschuld. Jack Kirby besaß sie; der aktuellen Computertricktechnik fehlt sie.

          Dass zweidimensionale Krakel etwas können, was dreidimensionalen Filmtricks versagt bleibt, ist erstens nicht ganz alltäglich, zweitens durchaus erregend und drittens bestimmt nicht das Falscheste, was man Menschen mitteilen kann, die sich im Kino vergnügen wollen.

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