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Video-Filmkritik: „Guardians of the Galaxy“ : Sternzeichen Waschbär mit Riesenknarre

Der Plot ist straff: Starlords kleine Truppe muss dem scheußlichen Ronan ein Objekt vorenthalten beziehungsweise entreißen, das zu den Bauteilen eines Geräts zählt, mit dem man die Wirklichkeit zu Kartoffelbrei zermanschen kann oder irgend so etwas - die Zusammenhänge dahinter verbinden diesen Film unter anderem mit Joss Whedons „Avengers“ (2012) und „Thor: The Dark Kingdom“ (2013), vor allem aber mit Tausenden von Comicseiten - lesen Sie „Infinity“, lesen Sie „Annihilation“, lesen Sie Schränke voller Heftchen, oder lassen Sie’s bleiben -, je nachdem, wie sehr Sie absolut nutzloses, aber faszinierendes Wissen mögen.

John C. Reilly und Glenn Close als Edelstatisten

Den Film, um den es hier geht, begreift und genießt man auch ohne all das. Die dramaturgischen Probleme, die er sich einhandelt, weil das Quellenmaterial so umfangreich ist, löst Gunn mit Waffengewalt, Herzensbildung und zahlreichen frisch gepflückten Anspielungen auf gute Musik von früher, fiktive Technik von übermorgen und Kevin Bacon.

Im Mittelpunkt der Veranstaltung steht ohnehin nicht die Handlung, sondern die rege wechselseitige Talentbefeuerung der Stars und Nebenfiguren - besonders erwähnenswert: Benicio Del Toro als outrierter Sammler unirdischer Skurrilitäten, John C. Reilly und Glenn Close als Edelstatisterie, Sean Gunn - Bruder des Regisseurs, als komische Bohnenstange im Hintergrund - und vor allem der mit Sandpapier festlich blau geschmirgelte Michael Rooker, der schon in „Slither“ als zuckender Fleischbatzen zu begeistern wusste und hier als amoralischer Brigant Yondu Udonta einen heimlichen Ehrenmann im Halsabschneiderkostüm gibt, der dem bekannteren Personal hin und wieder minutenweise fast die Show stiehlt.

Ein paar sympathische Scherze

James Gunn hat ihnen allen freie Bahn gegeben - aber eben nicht getan, was manche von ihm erwarteten: Er hat das Superheldengenre nicht verhöhnt. Wo er sich doch ein paar Scherze damit erlaubt, wirken sie eher wie die Witze, die intelligente Heranwachsende über Sex reißen, um ihr heimliches Erschauern vor der Tragweite der Sache zu kaschieren. Das ist sympathisch, ja, man darf dafür wohl sogar einen Fachausdruck bemühen, den Aristoteles und Adorno in ihren jeweiligen Theorien des Ästhetischen zu Unrecht vernachlässigt haben: süß.

Zwischen dieser Süße und einer granitenen Monumentalität, wie die Erweiterung des Marvel-Kino-Kosmos ins Außerirdische sie hätte mit sich bringen können, hat sich Gunn für Erstere entschieden - ohne Schaden, in weiser Selbstbeschränkung.

Mit kindlichem Staunen

Denn wo der Film etwa die riesigen Überreste eines toten Angehörigen der mysteriösen Spezies der Celestials zeigt, einer Gattung also, die zu den imposantesten Design-Einfällen des unsterblichen Jack Kirby zählt, der wohl der größte Künstler war, der je für Marvel gearbeitet hat (auch den Baumriesen Groot hat er erfunden), da sieht dieser gefällte Riese als sein eigenes Hünengrab auf der Leinwand eben sowieso nicht halb so ehrfurchtgebietend aus wie bei Kirby, der nun mal Kosmisches kosmischer aussehen ließ als je zuvor und je seither irgendwer sonst.

Vielleicht braucht man, um etwas erfinden und zeigen zu können, das über den kollektiven menschlichen Horizont geht, einfach die dem kindlichen Staunen eng verbundene Charaktereigenschaft der Unschuld. Jack Kirby besaß sie; der aktuellen Computertricktechnik fehlt sie.

Dass zweidimensionale Krakel etwas können, was dreidimensionalen Filmtricks versagt bleibt, ist erstens nicht ganz alltäglich, zweitens durchaus erregend und drittens bestimmt nicht das Falscheste, was man Menschen mitteilen kann, die sich im Kino vergnügen wollen.

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