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Video-Filmkritik : Großes, teures, totes Kino: „Illuminati“

Bild: Sony Pictures

In 140 zähen Kinominuten lässt Ron Howard das Spekulative, Geheimnisvolle, das auf den Buchseiten von Dan Browns Bestseller noch lockt, restlos in der Sichtbarkeit und den Schauwerten einer Großproduktion verschwinden: „Illuminati“.

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          Größer als die Rätsel, die im Lächeln der Mona Lisa liegen, tiefer als das Geheimnis des Heiligen Grals, verwirrender als die Existenz der Antimaterie - das sind nur die Fragen, welche einem die Verfilmungen der Romane von Dan Brown aufgeben. Als Symbolologe, zu dem man mit Browns Helden Robert Langdon notgedrungen wird, möchte man nicht bloß wissen, wofür dieser Brown-Effekt denn nun steht und was sich aus ihm folgern lässt, sondern vor allem, wie es kommt, dass sich tatsächlich noch Menschen den Film ansehen, die bereits den entsprechenden Roman gelesen haben.

          Peter Körte
          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Trendforscher ermitteln bei Brown-Lesern den Wunsch nach einer „Wiederverzauberung der Welt“, immer wieder wird gesagt, es liege daran, dass in Brown-Büchern hinter der sichtbaren Welt unsichtbare Mächte wirken, welche den Verlauf der Geschichte ungleich mehr beeinflussen als die greifbaren Akteure auf der Bühne. Das mag ja auch alles sein, man hat ja selber die Bücher verschlungen und weiß, dass solche Massenphänomene immer eine Restratlosigkeit hinterlassen - aber all das erklärt einem nicht, warum man sich das auch noch anschauen soll, es sei denn, man hat sich die Lektüre erspart und gleich auf den Film gewartet.

          Diesmal erregt sich allenfalls noch ein 102-jähriger Kardinal

          Diese Rechnung ist bisher aufgegangen: 81 Millionen Exemplare des Romans „Da Vinci Code“ wurden insgesamt verkauft, rund 760 Millionen Dollar spielte die Verfilmung ein, was bei einem durchschnittlichen Ticketpreis von sieben Dollar mehr als einhundert Millionen Zuschauer bedeutet. Über die Schnittmenge zwischen Lesern und Zuschauern ist nichts bekannt, aber man kann sicher sein, dass sie Dan Browns Produktpalette nicht geschadet hat und auch für die Verfilmung von „Angels and Demons“ - der in Deutschland so hartnäckig „Illuminati“ heißt wie der „Da Vinci Code“ den faden Titel „Sakrileg“ trug - ordentliche Werbeeffekte erzeugt.

          Die Schlacht an der PR-Front fiel diesmal allerdings etwas weniger turbulent aus, obwohl die Produzenten daraus symbolisches Kapital zu schlagen versuchten, dass der Heilige Stuhl keine Drehgenehmigungen erteilte, weder für den Vatikan selbst noch für die im Roman genannten Kirchen und ihre unmittelbare Umgebung. Und weil der Vatikan profan genug ist, hat er auch begriffen, dass sein Aufruf zum Boykott beim „Da Vinci Code“ Gratiswerbung für den Film gewesen war. Jetzt erregt sich allenfalls noch ein 102-jähriger Kardinal, wogegen Pater Federico Lombardi, der Pressesprecher des Papstes, dem Branchenblatt „Daily Variety“ erklärte, er werde nur dann einen Kommentar zu „Illuminati“ abgeben, „wenn die Filmproduktion tausend Zehnjahresabonnements unserer offiziellen Zeitung erwirbt“, des „Osservatore Romano“ also. Er kann die Arbeit ruhig anderen überlassen, der „Universal Society of Hinduism“ zum Beispiel, die sich mit einem Boykottaufruf dafür revanchieren möchte, dass die amerikanische Bischofskonferenz sie beim Boykott des Films „The Love Guru“ unterstützt hatte.

          Dem Vatikan reichte schon der Name Dan Brown

          So viel Nächstenliebe kann sich Ron Howard, der Regisseur, nicht leisten. Er hat während einer Pressekonferenz versichert, der Vatikan habe seinen Einfluss in Rom auch nach Verweigerung aller Drehgenehmigungen geltend gemacht und die Dreharbeiten damit erschwert. Der Vatikan hatte schon bei den ersten Anfragen erklärt: „Normalerweise lesen wir das Drehbuch, aber in diesem Fall war das nicht notwendig. Der Name Dan Brown reichte schon.“

          Lassen wir mal beiseite, dass die Dämonisierung des so harmlos und bieder wirkenden Dan Brown etwas Absurdes hat. Jedenfalls hatte die Produktion eine tolle Idee: Ungefähr zwanzig Teammitglieder verkleideten sich als Touristen - was Amerikanern in Rom nicht allzu schwer gefallen sein dürfte - und drangen, bewaffnet mit ultraleichten Digitalkameras, in den Vatikan ein, um mehrere Stunden Videomaterial und mehr als 200.000 Fotos zu erbeuten. Doch eine Produktion, die mehr als hundert Millionen Dollar gekostet hat, als visuelle Freibeuterei zu inszenieren, das war schon im Vorfeld nicht sonderlich überzeugend - und ist es noch weniger, wenn man den Film gesehen hat.

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