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Video-Filmkritik : Großes, teures, totes Kino: „Illuminati“

Da knistern allenfalls die alten Buchseiten in der vatikanischen Bibliothek

Es ist deshalb vielleicht nötig, endlich mal etwas über diesen Film zu sagen, ohne dabei allzu viel zu verraten. Er ist deutlich frommer, zumindest kirchenfreundlicher als das Buch, denn der Papst hat hier kein Kind gezeugt, der Heilige Stuhl ist es, der Langdon nach dem Diebstahl von Antimaterie aus dem Forschungszentrum Cern und der Entführung von vier Kardinälen zu Hilfe ruft, und es müssen auch nicht alle vier Preferiti, also die Favoriten bei der Papstwahl, sterben; einer überlebt - und schafft es bis ganz nach oben.

In seinem Gestus gibt sich der Film feierlich und gravitätisch, von der Auftaktsequenz, in welcher der Fischerring des eben verstorbenen Papstes zerstört wird, bis zum glorreichen Ende. Leider hat man jedoch bei den Actionsequenzen gespart, da ist im Roman wesentlich mehr los, und leider ist das sogenannte love interest auch zu schwach, so dass Langdon und die Physikerin Vittoria kein Paar werden dürfen - womit einem allerdings nicht wirklich etwas entgangen ist, weil zwischen Tom Hanks und der jungen israelischen Schauspielerin Ayelet Zurer allenfalls die alten Buchseiten in der vatikanischen Bibliothek knistern.

Dem Zombie Kino wurde hier alles Leben ausgetrieben

Es ist einer dieser Filme, welche das Kino als hübsch hergerichteten Zombie erscheinen lassen, dem alles Leben ausgetrieben wurde. Ein Star, der sich sichtbar langweilt, der völlig unterfordert ist und lediglich zeigen darf, dass er zügig ein paar Bahnen im Schwimmbad von Harvard kraulen kann, und der am Ende guckt wie Forrest Gump; ein Regisseur, der meist für volle Kassen garantiert, aber keinerlei Neigung erkennen lässt, mehr als ein Fahrdienstleiter zu sein, der für reibungslosen Betrieb am Set sorgt. Und ein Aufwand, der ästhetisch in keinem Verhältnis steht zum Ertrag.

Die Kamera steigt und taucht und schwebt und gleitet, um die Schauwerte ordentlich ins Bild zu rücken, und von der Tonspur dröhnt und orgelt es ständig bis zur Besinnungslosigkeit. Selbst die Leistung, Petersplatz und Peterskirche samt Sixtinischer Kapelle in Kalifornien nachgebaut zu haben, ist kein Anlass zu übermäßigem Applaus. Sieht zwar alles wirklich gut aus; andererseits muss man das natürlich auch erwarten, wenn man sich all die Europa-Repliken in Las Vegas ansieht oder jenes „Little Europe“ auf dem Studiogelände in Universal City, wo es sehr nett und bei Bedarf natürlich auch sehr römisch aussieht.

Eine ökonomisch sinnvolle, ästhetisch sinnfreie Investition

Es sind dann 140 zähe Minuten, die den Effekt haben, das Spekulative, Geheimnisvolle, das auf den Buchseiten noch lockt, restlos in der Sichtbarkeit und den Schauwerten einer Großproduktion verschwinden zu lassen. Die Romane von Dan Brown sind im Grunde nicht verfilmbar - das ist, als sollte man sie ein zweites Mal lesen, was vermutlich niemand freiwillig tut. Brown ist als Autor schon kein sprachlicher Filigrantechniker, aber wenn man die Bildsprache des Films sieht, wie er anfangs das alteuropäische Ritual des Konklaves gegen die stählerne Kälte des Forschungszentrums Cern ausspielt, weiß man, dass es viel kruder kaum geht. Aber es geht die ganze Zeit so weiter.

Und statt Einsichten über das Verhältnis von Religion und Wissenschaft zutage zu fördern (die ernsthaft keiner erwartet hat), verkörpert der Film vor allem ein Geschäftsmodell. „Illuminati“ ist eine ökonomisch sinnvolle, ästhetisch sinnfreie Investition. Sie wird aller Voraussicht nach eine hübsche Rendite abwerfen, sie ist dazu krisenfest und beständig, weil die Verfilmung des erst im September erscheinenden neuen Romans von Dan Brown bereits für 2012 angekündigt ist. Das Buch heißt „The Lost Symbol“. Vermutlich will einem das auch etwas sagen - wenn man bloß wüsste, was. Im Kino wird man es sicher nicht herausfinden.

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