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Video-Filmkritik : Großer Wurf, erstickt: „Julia“

Bild: Kinowelt

Tilda Swinton spielt in „Julia“ eine Trinkerin, die uns unvergesslich bleibt. Doch Erick Zoncas Film, der ein Meisterwerk hätte sein können, scheitert an den Bildern, die der Regisseur beim Drehen im Kopf hatte.

          4 Min.

          In jedem misslungenen Film steckt ein großartiger. Aber es gab lange keinen Film mehr, in dem das Großartige so dicht unter der Oberfläche lag wie in Erick Zoncas „Julia“. Es ist, als sähe man in eine Fruchtblase hinein, aus der das Meisterwerk, das „Julia“ hätte sein können, sich verzweifelt zu befreien versucht. Aber die Blase platzt nicht, der große Wurf erstickt, und uns bleibt die Hülle eines Films, der sich selbst nicht richtig zur Welt gebracht hat.

          Andreas Kilb
          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Die Geschichte beginnt mit einem Knall und einem Wimmern, einer wilden nächtlichen Party und dem Morgen danach. Julia (Tilda Swinton), eine Frau knapp jenseits ihrer besten Jahre, hat sich wie jeden Abend um den Verstand getrunken; im ersten Tageslicht liegt sie irgendwo in Los Angeles in einem fremden Auto neben einem unbekannten Mann. Als sie erwacht, gleitet ihre Zunge wie ein schläfriges Reptil aus ihrem Mund und tastet gierig über die trockenen Lippen, auf der Suche nach einem Tropfen Alkohol, der vom Rausch der vergangenen Nacht übrig wäre. Aber der Rausch ist fort, die Welt ist leer, ein weiterer grauer Tag in einem Totenleben beginnt.

          Die entscheidende Geste

          Mit diesem bewusstlosen Züngeln hat Tilda Swinton die eine entscheidende Geste gefunden, die ihre Figur unvergesslich macht. Und auch Erick Zonca, der Regisseur, erledigt seine Aufgabe gut, denn er zeigt kurz und beiläufig, was wir über Julia Harris wissen müssen: dass sie gerade ihren Job in einem Maklerbüro verloren hat; dass nur ihr Freund Mitch (Saul Rubinek) sie noch vor dem endgültigen Zusammenbruch bewahrt; und dass sie bei den Anonymen Alkoholikern, zu denen Mitch sie schickt, so fehl am Platz ist wie ein Kampfhund unter Dackeln. Als eine Nachbarin sie freundlich anspricht, fertigt Julia sie barsch ab: Der „Nachbarschaftsscheiß“ interessiere sie nicht.

          Dieselbe Frau (Cate del Castillo) allerdings erzählt Julia am folgenden Tag eine Geschichte, mit der das Drama dieses Films in Bewegung kommt. Sie habe einen Sohn, sagt die Nachbarin Elena, der bei seinem schwerreichen Großvater sei und den sie nicht sehen dürfe. Sie wolle den Jungen, Tom, entführen und in ihr Heimatland Mexiko bringen, und Julia solle ihr dabei helfen. Es geht um Geld, viel Geld. Es geht um ein neues Leben. Julia besorgt sich eine Pistole und einen Mietwagen. Sie nimmt einen tiefen Schluck aus der Schnapsflasche und fährt los.

          Die Untiefen der Handlung

          In diesem Augenblick beginnt der Film zu flattern. Bis dahin hat ihn die Handkamera von Yorick le Saux knapp über alle Untiefen der Handlung hinweggetragen; aber eine Entführung, und erst recht die eines Kindes, ist kein Routinefall der Kinematografie, sie verlangt eine sichere Hand und ein ruhiges Auge. Beides hat Zonca nicht. Mit einem Schnitt wirft er Elena aus der Geschichte heraus, dann lässt er den Leibwächter, der den kleinen Tom (Aidan Gould) hütet, auf ziemlich unwahrscheinliche Weise unter Julias Auto geraten, und anschließend schickt er den Jungen und die Alkoholikerin gemeinsam in die kalifornische Wüste.

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