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Video-Filmkritik: „Gomorrha“ : Die schmutzigen Hände über der Stadt

Bild: Prokino

Matteo Garrones „Gommorha“ gewann in Cannes den Großen Preis der Jury. Auf der Grundlage des Bestsellers von Roberto Saviano erzählt er von der brutalen Sozialordnung der italienischen Camorra.

          4 Min.

          Es gibt keine Ansicht von Neapel in diesem Film. Dabei liegt der Stadtteil Scampia, in dem er spielt, nur ein paar Kilometer vom Castel dell'Ovo und vom Alexandermosaik entfernt. Aber in der Welt, die „Gomorrha“ zeigt, haben Paläste, Museen, Galerien und Feinschmeckerrestaurants keinen Platz. Sie gehören zu einem Universum, das weit draußen liegt, jenseits der Wahrnehmung der Einwohner Scampias. Hier, im Camorraland, herrscht eine andere Ordnung: die Ordnung des sich selbst verwaltenden Lagers.

          Andreas Kilb
          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          In diesem System arbeiten Menschen wie der Schneider Pasquale und der Geldbote Don Ciro. Pasquale schneidert für einen Hungerlohn Haute-Couture-Kleider, die in den Luxusboutiquen der Weltstädte verkauft werden. Sein Chef, ein Subunternehmer der Camorra, muss sich im Verdrängungswettbewerb gegen andere Markenpiraten behaupten, er drückt die Löhne seines Personals, bis ihn selbst sein treuester Angestellter, eben Pasquale, verrät. Don Ciro wiederum versorgt die Angehörigen von Gangstern, die für einen der Camorra-Clans im Gefängnis sitzen oder schon auf dem Friedhof liegen, mit monatlichen Geldbeträgen. Weil diese Almosen zum Leben nicht reichen, wechseln immer mehr Kunden Don Ciros ins Lager einer anderen Bande. Der Geldbote, ein Mann mit dem Gesicht eines beamteten Begräbnisredners, gerät zwischen die Fronten und rettet nur mit Mühe seine Haut. Ihm als Einzigem gönnt der Film einen großen Abgang: Über die blutigen, noch zuckenden Leichen seiner Bosse und ihrer Leibwächter schreitend, läuft er eine Auffahrt hinauf, die in eine der vielen Schnellstraßen an der neapolitanischen Peripherie einmündet. Da ist er, der Weg ins Freie, für viele in Scampia unsichtbar, für die wenigsten erreichbar.

          Die Sprache des Zorns

          „Gomorrha“ ist keine Verfilmung des gleichnamigen Bestsellers von Roberto Saviano, der im letzten Herbst auf Deutsch herauskam - so wenig, wie Savianos Buch eine unparteiische Darstellung des organisierten Verbrechens in Neapel und Kampanien ist. Eher muss man von einer perspektivisch verzerrten Annäherung sprechen: des Buchs an sein Thema, des Films an die Vorlage. Saviano zeichnet hektische, glühende Skizzen, der Film malt Schicksale aus. Saviano redet gut dreihundert Seiten lang im gleichen hohen Ton des Zorns und der Anklage; der Film empfängt seine Tonlagen aus den Geschichten, die er erzählt. Saviano hat für „Gomorrha“ das Grab seines Propheten Pier Paolo Pasolini im oberitalienischen Casarsa besucht. Matteo Garrone, der Regisseur, dem der Autor sein Buch zur Adaption anvertraute, nennt dagegen Roberto Rossellinis Nachkriegsfilm „Deutschland im Jahre Null“ als Vorbild: die emphatische und doch zugleich distanzierte Erkundung eines zerstörten Landes.

          Das Temperaturgefälle zwischen Erbitterung und kalter Genauigkeit markiert den wesentlichen Unterschied zwischen Buch und Film. Garrone weiß, dass er die Recherche Savianos, der seit zwei Jahren unter Polizeischutz im Verborgenen lebt und so selbst zum Mitspieler der Camorra-Tragödie geworden ist, nicht wiederholen kann. Er kann sie nur vervollständigen. Sein Film, zum Großteil mit Laien und an Originalschauplätzen in Scampia gedreht, begibt sich in die Höhle des Löwen, um darin die Fußspuren des Autors zu finden. Den Drehort, einen jener „vele“, der segelförmigen Betonwohnblöcke, die nach dem verheerenden Erdbeben von 1980 in aller Hast hochgezogen wurden und inzwischen zum Teil schon wieder abbruchreif sind, kann man bei Google Earth als Luftbild abrufen; die brückenförmigen Verstrebungen zwischen den Gebäudeteilen, die Müllhalden auf den Dächern und sogar der kleine Pool, der im Film vorkommt, sind klar zu erkennen. Dennoch ist „Gomorrha“ kein Dokument, sondern eine Kinofiktion mit allen Einschränkungen, die sich daraus ergeben. An den wahren Horror reicht kein Film heran, allenfalls ein Schriftsteller wie Roberto Saviano, der sich in Lebensgefahr begibt, um das Leben der anderen dem Vergessen zu entreißen.

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