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Video-Filmkritik : Glücklich zu dritt: Tom Tykwers „Drei“

Bild: X-Verleih

Mit „Drei“ kehrt Regisseur Tom Tykwer nach Berlin zurück. Die Stadt ist Schauplatz für eine sonderbare Dreiecksbeziehung: Hanna und Simon betrügen sich unwissentlich mit demselben Liebhaber.

          4 Min.

          Bis heute hat niemand überzeugend erklärt, woher das Skizzenhafte in Tom Tykwers Filmen kommt. Von der „Tödlichen Maria“, Tykwers Debüt, bis zur malerischen Melancholie von „Heaven“ hat jede seiner Kinoarbeiten etwas Vorläufiges, Provisorisches, so, als wäre das letzte Wort in den Geschichten, die er erzählt, noch nicht gesprochen. Nur der Kostendruck von Großproduktionen wie „Das Parfum“ und „The International“ hat Tykwers vagabundierende Brillanz zuletzt - und zum Schaden der Filme - in vorgegebene Formen gepresst.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Und doch sind es auch hier nicht die Stories, an die man sich erinnert, sondern ein paar grandiose Schmankerl, Schaumkronen des Visuellen: die wunderbare Guggenheim-Schießerei in „International“, die Massenorgie im „Parfum“. So gesehen, ist - neben dem Klassiker „Lola rennt“, der drei Varianten derselben Konstellation durchspielt - der Kurzfilm „True“ von 2004 das exemplarische Tykwer-Werk: eine Liebesgeschichte, die in zehn Minuten durch alle denkbaren Tonlagen und Tempi geführt wird, von rasender Verzweiflung bis zum Zeitlupenglück. Kein Regisseur in Deutschland kann auf kleinstem Raum nur annähernd so viel erzählen wie Tykwer; und schon gar keiner mit vergleichbarer Eleganz.

          „Drei“, Tom Tykwers neuer Film, dauert zwölf mal zehn Minuten, und das ist sein Problem. Denn das exquisite kleine Beziehungsdrama, um das er kreist, ist vollständig entfaltet, noch ehe die Vorspanntitel durchgelaufen sind, und die Geschichte, die dann folgt, kann es nur breiter, nicht tiefer ausformulieren. Trotzdem folgt man ihm bis zum Ende mit kaum enttäuschter Schaulust und Sympathie.

          Ökonomie der Verschwendung

          Tykwers Kino baut auf eine Ökonomie der Verschwendung, der es egal ist, ob das Gleiche drei- oder viermal erzählt wird, wenn es nur in allen Facetten einer originellen Bildfindung funkelt und blitzt. Nicht der passgenau abgespulte Stoff, das gelungene Kunststück ist das Ziel seiner Mühen. Vielleicht gehört das fehlende Finish deshalb zu Tykwers Arbeitsweise: Solange die Farbe auf den Geschichten noch nicht trocken ist, kann es immer noch eine weitere Wendung, eine zusätzliche Variation geben. Und Tykwer, der selbst die Musik zu seinen Filmen schreibt, ist um Variationen selten verlegen.

          „Drei“ beginnt mit einem Blick in den Himmel, durch Eisenbahnkabel, die sich berühren, trennen, parallel laufen, mit gleitender Kamera gefilmt. Dazu erzählt sich ein Paar in Stichworten seine Zukunft. „Du oben, ich unten. Harmonie. Friktion. Symmetrie. Entspannung. Trott. Fremdgehen. Bereuen. Nicht heiraten. Nicht Kinder. Nicht zusammenziehen. Doch zusammenziehen. Doch Kinder.“ Dann endet das obere Kabel. „Du stirbst.“ Danach das untere. „Ich auch.“

          Kein Stoff des Kino-Mainstreams

          Hanna (Sophie Rois) und Simon (Sebastian Schipper) sind Anfang vierzig und seit zwanzig Jahren zusammen. Das Leben könnte so weitergehen, ohne Plan. Aber der Zeiger auf der großen Uhr rückt weiter, die Liebe läuft nicht mehr rund. In einer kurzen Split-Screen-Sequenz, einem der vielen Kabinettstückchen des Films, zeigt Tykwer den Stand der Dinge: der Mann glotzt im Schwimmbad andere Frauen an und guckt Pornofilmchen im Internet, die Frau, eine Moderatorin, flirtet im Studio mit der Kamera. Dann stirbt Simons Mutter, er selbst erkrankt an Hodenkrebs, und Hanna träumt in einer Sitzung des Ethikrats von Jeff Koons und Cicciolina. Der Stammzellforscher, den sie dabei anschaut, heißt Adam. Adam und Hanna. Jetzt hat die Geschichte ein Ziel.

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