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Video-Filmkritik : Geschichtsunterricht in Frauenschauer

Bild: F.A.Z., Tobis

Cary Fukunaga bringt die neunzehnte Verfilmung von Charlotte Brontës „Jane Eyre“ als Schauerromantik ins Kino. Der viktorianische Klassiker ist bei ihm in besten Händen.

          4 Min.

          Ein Fenster wird aufgestoßen. Auf der einen Seite liegt ein dunkler Raum, auf der anderen die ganze Welt. Ein Park. Ein Wald. Das Moor. Doch es ist nicht die Freiheit, die dort wartet. Die Natur ist feindselig, die Welt nicht voller Möglichkeiten, sondern voller Gefahren. Der glitschige Boden gibt den Füßen keinen Halt, ein Sturm zieht herauf, Regen peitscht über die Weite, und Jane Eyre, die immer wissen wollte, was hinter dem Horizont liegt, und dann doch in dem abgelegenen, düsteren, verwinkelten Haus von Edward Rochester ihr Glück fast gefunden hätte, steigt über den Fensterrahmen aus dem dunklen Raum hinaus und läuft los. Ihr langer Mantel und die vielen Röcke darunter saugen von unten den Schlamm auf, während der Regen sie von oben durchnässt. Jane Eyre flieht. Vor ihrer Begierde, vor Rochester, vor einem Angebot, das deutlich jenseits der Anstandsgrenzen jener Zeit lag.

          Verena Lueken
          Freie Autorin im Feuilleton.

          Jene Zeit, das ist die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts. Charlotte Brontë schrieb "Jane Eyre" 1847, der Roman wurde zum Klassiker der viktorianischen Literatur, und das Kino liebte ihn, kaum dass es erfunden war, und kehrte mit bemerkenswerter Treue immer wieder zu ihm zurück. Achtzehn Mal wurde der Roman bisher verfilmt, einige Fernsehfilme kamen dazu, und dass schon 1944 mit der Besetzung Joan Fontaine und Orson Welles der Klassiker der Klassikerverfilmungen entstanden war (Regie führte damals Robert Stevenson), hieß nicht, dass das Buch nicht immer wieder hervorgekramt wurde. Und nicht immer mit minderwertigen Ergebnissen, 1995 war Charlotte Gainsbourg als Jane Eyre in Franco Zeffirellis Version zwar etwas mäusig, aber William Hurt als Rochester schroff und verdammt genug, um dem Ganzen eine gewisse Glaubwürdigkeit zu geben.

          Doch bisher interessierten das Kino an „Jane Eyre" in erster Linie das schlechte Wetter und das Melodram. Sturm und Regen und Rochesters düsteres Anwesen, auf dem Jane als Gouvernante anheuert, sorgten fürs Schaurige im Hintergrund. Ins Zentrum aber rückte die unerfüllbare Liebesgeschichte, das Drängen nach Sex, der nie so heißen durfte, in Verhältnissen, die ihn keinesfalls zuließen, eine Begierde, die sich im Melodram ebenso zeigen wie bezähmen ließ. Oberfläche und Untergründiges, außen und innen, blieben getrennt, bis im süßsauren Ende die Wildheit des Begehrens besiegt und das Haus - wenn auch durch den finalen Brand, gelegt von der Frau im Dachstuhl, deutlich lädiert - über die Natur die Oberhand gewonnen hatte.

          Das Melodram ist zweitrangig

          Jetzt kommt die neunzehnte „Jane Eyre" ins Kino. Der Regisseur heißt Cary Joji Fukunaga. Er ist vierunddreißig, stammt aus Kalifornien und hat mit „Sin Nombre" vor einigen Jahren einen Debütfilm hingelegt, der eine Mischung aus Gangsterbandenfilm, Liebesgeschichte und Auswandererdrama an Schauplätzen erzählte, die uns den Atem nahmen - vor allem die Zugdächer, auf denen gekocht, vergewaltigt, geschlafen, geraucht und getötet wurde, sind unvergesslich. Es war ein harter Film voller Gewalt, ein wenig Zärtlichkeit und naturgemäß fast ohne Humor, der böse endete. Und es war ein Film, der in 35mm gedreht war und uns eine Geschichte jenseits der Ränder unserer Erfahrung zeigte, die aussah wie großes Kino, jetzig und klassisch und ohne Prätention.

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