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Video-Filmkritik : Gefährdete Männer gestehen

Bild: F.A.Z., Universal Pictures

David Cronenbergs Film „Eine dunkle Begierde“ handelt von der Psychoanalyse und der Revolution des Denkens. Doch auf der Leinwand sehen wir einen Kostümfilm.

          3 Min.

          Wilde Frauenschreie sind das Erste, das wir in David Cronenbergs neuem Film hören. Sie dringen aus einer rasenden Kutsche durch geschlossene Vorhänge zu uns, aus dem Verborgenen, wenn man so will. Und darum wird es im Folgenden gehen: ums Verborgene und was geschieht, wenn es ans Tageslicht kommt.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Die Schreiende ist Sabina Spielrein (Keira Knightley), und ihr Gesicht ist nicht schön. Sie schiebt das Kinn nach vorn, bis ihr Kopf die Form eines Pferdeschädels angenommen hat, verzerrt den Mund, verkrampft die Glieder, und die Sehnen am Hals treten hervor, als würde ihr kleiner, dünner Körper jeden Augenblick entlang dieser Linien auseinanderfallen, die Knochen nach allen Seiten fliegen und nichts mehr von ihr übrig bleiben als das Echo dieser Schreie.

          Die Kutsche bringt sie zu Doktor C. G. Jung (Michael Fassbender) in die Burghölzli-Klinik bei Zürich. Es ist das Jahr 1904. Sabina Spielrein gilt als Hysterikerin, und sie wird eine der Ersten sein, die im psychoanalytischen Setting durch assoziatives Sprechen geheilt werden wird. Am Ende, es ist das Jahr 1913, sitzt dieselbe Frau, die inzwischen ihrerseits Psychoanalytikerin ist, wieder in einer Kutsche, die sie für immer fortbringt von diesem Ort.

          Dazwischen liegen Jahre, in denen C. G. Jung, ihr Arzt, sie nicht nur heilt, sondern auch mit ihr ins Bett geht, Jahre, in denen eine respektvolle Freundschaft zwischen Jung und Sigmund Freud entsteht und wieder zerbricht, Jahre, in denen die Psychoanalyse auch mit Hilfe von Sabina Spielrein als Theorie erblüht und in der Praxis Erfolge feiert. Jahre, in denen die alte Ordnung zerbricht und Europa sich rüstet, in Stücke zu gehen.

          Wie gefährlich ist die Psychoanalyse?

          Wie gefährlich ist die Psychoanalyse und für wen? Das ist die Frage, die dieser Film stellt, was man dem deutschen Titel allerdings nicht mehr ansieht. Er ist das Ergebnis einer Reihe von Metamorphosen. Das Theaterstück von Christopher Hampton, das dem Drehbuch zugrunde liegt, heißt "The Talking Cure", während das Buch von John Kerr, das gleichfalls als Quelle des Films genannt wird, als "A Most Dangerous Method" Mitte der neunziger Jahre bekannt wurde. Dieses Buch heißt im Deutschen, je nach Ausgabe, "Eine höchst gefährliche" oder "Eine gefährliche Methode", und diesen Titel trägt Cronenbergs Film auch im Original: "A Dangerous Method".

          Der deutsche Verleih hat daraus "Eine dunkle Begierde" gemacht, was angesichts des Themas, um das geht, dann doch unterkomplex scheint. Denn die Begierde - ist sie nicht immer dunkel? - liegt zwar am Grund von allem, wenn wir die Psychoanalyse ernst nehmen. Aber Thema von Stück, Buch und Film ist die Frage, was passiert, wenn wir ihrer habhaft werden - Sublimierung und die Entstehung einer neuen Theorie - oder uns ihr hingeben - Entsublimierung und Grenzüberschreitung. Es geht darum, zu verstehen, was uns quält und was uns treibt, und ob wir dadurch, dass wir darüber zu sprechen lernen, irgendetwas ändern können. Also noch mal: Wie gefährlich ist die Psychoanalyse und für wen?

          Barriere zwischen Analytiker und Analysand

          David Cronenbergs Film gibt darauf mehrere Antworten. Für die Patienten, um das gleich vorwegzunehmen, ist sie jedenfalls nicht gefährlich, in vorliegendem Fall nicht einmal dann, wenn, wie in der Liebesbeziehung zwischen Jung und seiner Patientin Sabina Spielrein, Grenzen überschritten werden, die Freud als uneinreißbare Barriere zwischen Analytiker und Analysand gesetzt hatte.

          Als Methode zur Befreiung des Ichs indessen hat sie das Potential, gesellschaftliche Gewissheiten zu zersetzen. Gefährlich ist sie für die Ordnung der Geschlechter, für die Gesetze der Schicklichkeit, für diese ganze bürgerliche Welt im Kaiserreich, die Cronenberg in seinem Film so ordentlich, so sauber, so frisch gebügelt und gestärkt auferstehen lässt, dass man wünschte, von irgendwoher käme dann doch der Schmutz ins Spiel und ins Bild, den „die Methode" aufwirbelt. Am dreckigsten aber geht es in der Szene zu, in der Sabina, offenbar in Selbsttötungsabsicht, in einen schlammigen Teich hüpft.

          Für einen Cronenberg-Film sauber

          Nur zweimal fließt Blut in diesem Film, und beide Male sind es nur ein paar Tropfen. Sie beflecken Sabinas Kleid nach der Entjungferung, und ein zweites Mal tropfen sie Jungs Wange hinab, nachdem Sabina ihn mit einem Brieföffner verletzt hat. Ansonsten geht es, wenn nicht gesittet, so doch für einen Cronenberg-Film außerordentlich sauber zu. Äußerlich jedenfalls.

          Triebe und Träume, das ist das Material, mit dem die Psychoanalyse arbeitet, und sie sind auch das Material des Kinos. Das ist, je nach Sichtweise, entweder eine sehr gute oder eine wenig vielversprechende Ausgangslage, um die beiden in einem Film zusammenzubringen. Eine sehr gute, weil das Kino der Logik innerer Vorgänge, welche die Psychoanalyse zu ergründen sucht, in seinen Bildern und ihrer Verknüpfung selbst auf der Spur ist. Eine wenig vielversprechende, wenn es um historisch verbürgte Situationen geht wie bei Cronenberg - dann sind wir doch nah dran am Kostümfilm, in dem in steifen Krägen und dem Rauch aus dicken Zigarren erstickt, worum es doch eigentlich gehen sollte: das Leid der Patienten und die Revolution des Denkens.

          Ein Freud mit zarter Ironie

          Dennoch: Einen mit so zarter Ironie gespielten Sigmund Freud, wie Viggo Mortensen ihn für uns gibt, hat die Leinwand noch nicht gesehen, und den in den Mystizismus abgleitenden Jung spielt Michael Fassbender als wissbegierigen, letztlich feigen, doch auch mit Vorahnungen gequälten Mann einer vermögenden Frau, als einen, der noch im sadomasochistischen Akt kaum den oberen Hemdknopf öffnet.

          Vincent Cassel tritt als Otto Gross auf, der Jung den Glauben an die Monogamie als Naturzustand ausredet - ein herrliches Männerensemble, in dem Keira Knightley es schwer hat. Wie Sabina Spielrein, deren Einfluss sowohl auf Freud als auch auf Jung erst lange nach ihrem Tod anerkannt wurde.

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