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Video-Filmkritik : Friedhof der frommen Sprüche: „Der rote Baron“

Bild: Warner

Das Leben des Fliegers Manfred von Richthofen böte die ideale Vorlage für einen Kriegsfilm. Doch Nikolai Müllerschön macht den „Roten Baron“ zum Pazifisten. Einzig Til Schweiger als Kamerad des Helden ist spitze.

          6 Min.

          Wir müssen Til Schweiger Abbitte leisten. Lange Zeit haben wir kaum eine Gelegenheit ausgelassen, ihm auf die Zehen zu treten - mal für seine Talente als Schauspieler („Das Superweib“), mal für seine Leistungen als Produzent und Regisseur („Der Eisbär“, „Keinohrhasen“). Tatsächlich ist es unwahrscheinlich, dass man Schweiger für seine Auftritte als Hajo Heiermann, Heinz Hummer oder Nick Siegel irgendwann ein Denkmal setzen wird.

          Andreas Kilb
          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Aber als deutscher Jagdflieger im Ersten Weltkrieg in Nikolai Müllerschöns „Rotem Baron“ ist er wirklich spitze. Er hat genau das Gesicht, das es für diese Rolle braucht - das Antlitz eines Dreißigjährigen, der wie fünfzig aussieht, mit nervös flackernden Augen und frostzerbissener, von Benzinschwaden und Maschinenöl gegerbter Haut, müde vom täglichen schwindelnden Aufstieg auf fünf-, sechstausend Meter Höhe in einer fliegenden Holzkiste mit 150-PS-Motor, vom endlosen kurvenden Heruntersausen als Jäger oder Beute im Luftduell, von den Maschinengewehrgarben, die die Tragflächen, Benzintanks und Pilotenkörper zerfetzen, und den zerknüllten, verkohlten, skelettierten Wracks der Verlierer am Boden.

          Man muss ein halbes Leben gelebt haben

          Das alles liest man in Schweigers Zügen. Und dazu eine Gleichgültigkeit, eine Kälte, wie sie nur jemand ausstrahlt, der sich an die moderne Form des Tötens gewöhnt hat, an den maschinellen Tod, den Schuss per Knopfdruck, der dem Abdrückenden den Machtrausch des Vollstreckers schenkt, ohne ihn mit dem Blut seines Opfers zu beflecken. Dass Schweiger eigentlich zwanzig Jahre zu alt ist für seine Rolle, schadet dabei nichts, schließlich sieht heute niemand mehr so aus wie die Fünfundzwanzigjährigen des Ersten Weltkriegs. Tucholsky hat sie beschrieben, Ernst Jünger hat sie gefeiert, Otto Dix hat sie gemalt: junge Greise mit tiefen Augenhöhlen, eingefallenen Wangen und verkniffenen Mündern. Heute muss man ein halbes Leben gelebt haben, um dergleichen überhaupt darstellen zu können.

          Aber Til Schweiger ist im „Roten Baron“ weder der Held noch der Bösewicht der Geschichte. Er spielt nur einen sidekick, den Leutnant Werner Voss, mit dem Manfred von Richthofen eine rauhe Jagdfliegerfreundschaft unterhält - und damit beginnt die Malaise dieser Produktion. Denn Richthofen, der „rote Baron“ seligen Angedenkens, dem die Nazis ein Museum in seiner Heimatstadt Schweidnitz und der amerikanische Zeichner Charles M. Schulz zahllose Bilder seiner Comicserie „Die Peanuts“ gewidmet haben, trägt das Gesicht von Matthias Schweighöfer, dem sanften Rabauken, der Jugendikone des deutschen Films.

          Ein lieber Kerl

          Sobald Schweighöfer zum ersten Mal über die Leinwand fliegt - eskortiert von seinen Kameraden, wirft er in einer ritterlichen Tour de force einen Kranz auf den Sarg eines getöteten englischen Gegners -, ist klar, dass dieser Baron ein lieber Kerl ist, ein blonder Edelpreuße mit dem Herzen am rechten Fleck. Es ist auch klar, dass er gelegentlich ein Nervenbündel sein kann, ein Macho mit weichen Knien, wie ihn Schweighöfer für die Theaterfilme Uwe Jansons („Baal“, „Lulu“) und die Stuckrad-Barre-Verfilmung „Soloalbum“ gespielt hat. Aber ein Killer ist der schöne Manfred nicht. Und damit vergibt Müllerschöns Film seine erste und entscheidende Chance.

          Denn Kriegsfilme sind ja keine Filme über den Krieg. Es sind Filme über Krieger: darüber, wie einer zum Schießen ausgebildet, zum Töten erzogen, zum Niedermetzeln angestiftet und zum Sterben abgestumpft wird. Kubricks „Full Metal Jacket“ zeigt es am Beispiel des Army-Reporters Joker in Vietnam, Spielbergs „Saving Private Ryan“ schickt dafür Tom Hanks als Captain Miller nach Omaha Beach - und Müllerschöns „Roter Baron“ hätte denselben Bildungsroman über das kaiserliche Flieger-As des Ersten Weltkriegs erzählen können, den deutschen Kriegshelden schlechthin, der nur deshalb hierzulande ein wenig in Vergessenheit geraten ist, weil der Begriff des Kriegshelden den Nationalsozialismus nicht überlebt hat.

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