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Video-Filmkritik : Gezielt statt betroffen

  • -Aktualisiert am

Bild: Alamode

Das ist kein Realismus: Frauke Finsterwalders spekulatives Kinodebüt „Finsterworld“ punktet vor allem mit seinem Drehbuch, an dem der Autor Christian Kracht beteiligt war.

          3 Min.

          Mit Namen soll man keinen Spott treiben. Aber wenn die Hanseatin Frauke Finsterwalder für ihren ersten Spielfilm ausgerechnet den Titel „Finsterworld“ wählt, ist ein Lächeln wohl erlaubt. Außerdem sitzt bei ihr und ihrem Mann Christian Kracht, der am Drehbuch mitschrieb und dem vermutlich die geschliffenen Dialoge zu verdanken sind, die Lust zur Parodie, um nicht zu sagen zum Hohnlachen, sehr tief.

          Man kann sich das Paar vorstellen, wie es, wieder einmal von seinem Wohnsitz in Ostafrika zurückgekehrt, über eine deutsche Autobahn braust und man einander mit spöttischen Sprüchen zu überbieten sucht. Im Film haben diesen Part Corinna Harfouch und Bernhard Schütz übernommen: brillant, wenn man so will, wie der Mann mit vor Verachtung gekräuselten Lippen auch noch über die deutsche Fahne herzieht, vielleicht ohne die geringste Ahnung, auf welchen Barrikaden die einst wehte.

          Führerschein gegen Fußcreme

          Im nächsten Moment wird das Verhängnis über sie hereinbrechen, an dem die Sandbergs (wie die beiden im Film heißen) mitgewirkt haben und dessen Umrisse erst später klar werden: Ein Schuss durchbohrt die Windschutzscheibe und trifft ihren jungen Mitfahrer ins Herz. Aber da sind wir schon mitten in dem auf sechs Handlungsebenen verzweigten Geschehen, dessen Personen mehr oder weniger miteinander verbunden sind.

          Die Puzzleteile fügen sich zu einer bitteren Komödie, die lächerlich genug beginnt, als ein Autofahrer den Polizisten Tom (Ronald Zehrfeld) mit einer Tüte voller Fußcremes besticht, auf den wegen Telefonierens am Steuer fälligen Punkt im Flensburger Register zu verzichten. Am Abend werden die Fußcremes Toms Freundin Franziska (Sandra Hüller) nicht von einem Lamento über ihre bislang verhinderte Karriere als Filmemacherin in den Fußstapfen Antonionis abhalten, was dann Tom dazu verleitet, sein Eisbärenfell überzustreifen, in dem er in der Freizeit mit anderen Liebhabern tierischer Spiele gern herumtollt.

          Kabarettreife Lachnummern

          „Das ist kein Realismus“, bekennt Frauke Finsterwalder: nicht der wohlfeile Spott des vermögenden Paares, das seinen schwierigen Sohn im Internat erziehen lässt, nicht der hysterische Ausbruch der Jungregisseurin, nicht der seine Nudeln verschlingende Arbeitslose, dem sie in dessen Plattenbauwohnung vergeblich einen Satz abzuringen versucht, nicht Toms Verkleidungsspiel, nicht die Manie des Fußpflegers, der die abgeriebene Hornhaut einer Kundin (es ist die Mutter des sprücheklopfenden Autofahrers) als Liebesbeweis zu Plätzchen verarbeitet, die von der alten Dame mit Genuss verzehrt werden.

          Es sind dies alles kabarettreife Lachnummern, an denen das Paar Finsterwalder/Kracht im Flugzeug, im Auto oder im Liegestuhl unter afrikanischen Palmen erheitert gefeilt haben mag. Dem Zuschauer indes vergeht das Lachen schnell, weil jede Szene die schlimmstmögliche Wendung nimmt. Am ärgsten kommt es, wenn Dominik (Leonard Scheicher), der arrogante Sprössling der Sandbergs, bei der Klassenfahrt in einer KZ-Gedenkstätte aus bösem Jux seine Mitschülerin Natalie (Carla Juri) in den verrosteten Verbrennungsofen des einstigen Krematoriums steckt und dies dann dem Lehrer (Christoph Bach) in die Schuhe schiebt, der sich auch prompt in einer Gefängniszelle wiederfindet. Sind wir in einem Comic von Wilhelm Busch oder wieder einmal in einer psychoanalytischen Versuchsanordnung? Wohl beides. „Du hast mich nie in die Arme genommen“, wird Dominik seine Mutter anklagen und das gängige Erklärungsmuster erfüllen.

          Zynisch, hysterisch, pervers

          Nimmt man Frauke Finsterwalders und Christian Krachts Film für bare Münze, so herrscht in Deutschland eine eisige Kälte, die ohne Eisbärenfell oder eine tierisch dicke Haut nicht zu ertragen ist, ein Land voller zynischer, hysterischer, perverser Menschen und noch ein paar törichter Idealisten. Äußerlich sieht das Land gar nicht so finster aus, fast alle Szenen spielen in gleißender Helligkeit (Kamera: Markus Förderer). Was in dieser Konstruktion um ein nicht erzähltes Familiendrama fehlt, sind das Leben in seiner Vielseitigkeit und der Boden unter den Füßen der Personen, die die Regie in einem leeren Umfeld herumalbern lässt.

          Frauke Finsterwalder mag dies vom Theater, der Berliner Volksbühne, an der sie arbeitete, nicht anders kennen, aber das ist nicht gut für einen Film, nicht überzeugend und nicht authentisch. Gewiss erleichtert es zum Beispiel die Regiearbeit, wenn man eine KZ-Gedenkstätte von dem üblichen Strom der Besucher frei macht, deren Aufmerksamkeit oder Zerstreutheit ein eigenes Thema wäre. Damit ist aber auch jedem beliebigen Slapstickeinfall, den man an diesem Ort lieber unterlassen sollte, Tür und Tor geöffnet. Die Manier des Films, dessen Glanz von seinen Darstellern kommt, weist immer wieder auf die Autoren zurück, nicht auf die Wirklichkeit, die sich gegen Schocktherapieversuche ohnehin resistent zeigt.

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