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Video-Filmkritik : Es geht doch nicht nur ums Geld: „Buddenbrooks“

  • -Aktualisiert am

Bild: Warner

Heinrich Breloers großangekündigte „Buddenbrooks“-Neuverfilmung bleibt nicht nur hinter der Romanvorlage, sondern auch hinter anderen Verfilmungen zurück. In der Romanvorlage geht es um Leben und Tod, bei Breloer nur um Familie und Finanzen in üppiger Inszenierung.

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          Die erste Generation? Man fängt gleich mit der zweiten an. Sesemi Weichbrodt und Grobleben, die strafende Prophetin und der Memento-Mori-Botschafter? Kommen ebenfalls nicht vor. Der genial mit dem Gewitter und einer Familienunterhaltung kurzgeschlossene Schlaganfall des Konsuls, der Tod der Konsulin? Verkürzt, verschenkt. Tonys Tochter, die ebenfalls an einen Betrüger gerät? Gibt es nicht. Hannos Schultag? Gestrichen. Der Erbschleicher Sievert Tiburtius? Dito. Das schwere Essen, bei dem so wichtige Dinge verhandelt werden? Ersetzt durch Ballszenen. All die Redensarten nach Art von „Mein Gott, ich war eine Gans damals“ (Tony), „Ich kann es nun nicht mehr“ (Christian) oder „Die Dehors wahren“ (alle außer Christian)? Fehlanzeige.

          Edo Reents

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

          Nichts gegen filmische Lizenzen, aber Kinogänger, denen der Roman noch etwas anderes bedeutet als die von der PR-Maschinerie plump und irgendwie auch schamlos herbeiphantasierte Aktualität der „Buddenbrooks“, könnten zu der Auffassung gelangen, dass diese Vermisstenliste doch etwas lang ist. Oder trägt das alles zum tieferen Verständnis gar nichts bei, und es kommt nur auf die mit geradezu grotesker Sorgfalt ausgewählten Kostüme an, in denen das zurechtgestutzte Personal so schön schwofen kann? Es war Heinrich Breloers erklärte Absicht, eine „ordentliche Literaturverfilmung“ vorzulegen; deswegen muss man sie auf ihr Verhältnis zur Vorlage hin auch befragen.

          Lachhafte Erotik

          Das Erstaunliche an diesem Film ist, dass er trotz der vielen Lücken, die sich ja rechtfertigen ließen, sofern man den Eindruck bekäme, der Regisseur konzentrierte sich lieber auf etwas anderes, auf Thomas Buddenbrooks gesundheitlichen Niedergang beispielsweise, auf die Tendenz zur Frömmelei oder auf Hannos Todessehnsucht - dass dieser Film trotzdem so wirkt, als wolle er es allen recht machen und dürfe dabei so wenig wie möglich weglassen.

          Heinrich Breloers Vorliebe für Bettszenen ist noch aus den „Manns“ erinnerlich - hier wird sie vollends lachhaft, wenn wir Thomas und Gerda in Aktion sehen und doch eigentlich wissen, wie die Braut aus Amsterdam es mit der körperlichen Liebe hält. Der Witz im Roman ist ja der, dass Thomas sich mit Gerda die Kunst und damit den Todeskeim ins Haus holt. Sohn Hanno besteht dann quasi nur noch aus Nerven, der Typhus braucht keine Ursache mehr, um ihn dahinzuraffen. Im Film aber sehen wir Hanno mit Freund Kai auf der Trave schippern, der robuste Kai nimmt Hanno irgendwelche Zettel weg, auf denen sich dieser offenbar Notizen zur Schopenhauerschen Philosophie gemacht hat, und wirft sie ins Wasser, Hanno hechtet hinterher und liegt dann auch schon fierbernd auf dem Totenbett.

          Alles strebt zum Geld

          Das ist so unbedrohlich geschildert wie die anderen Tode auch. Mit ihnen wollte Thomas Mann seinen Geschichtspessimismus beglaubigen: Der Tod war für die erste, im achtzehnten Jahrhundert wurzelnde Generation fast noch ein Freund, der entsprechend leichtes Spiel hatte. Bei den Nachfolgern dauert das Sterben immer länger. Was für eine Chance für einen Filmemacher, welche Herausforderung für die Maskenbildner, das genüsslich auszumalen, grausam in die Länge zu ziehen, um dem Zuschauer etwas Angst einzujagen, ihm zu zeigen, dass es um Leben und Tod geht und nicht nur, wie hier unaufhörlich behauptet, aber nicht bewiesen wird, um Finanzen und Familie! Bei Breloer kommen sie zu leicht davon, es geht viel zu schnell mit dem Konsul und der Konsulin, Thomas und Hanno.

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