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Video-Filmkritik : Eine Geschichte der Menschenjagd: „Die Kinder von Paris“

Bild: Constantin Film

Im Jahr 1942 wurden 13.000 Pariser Juden aus ihren Wohnungen getrieben und deportiert. Rose Bosch erzählt mit ihrem Film ein dunkles Kapitel der französischen Geschichte nach.

          Das Pariser Vélodrome d'Hiver, eine Radrennbahn in der Nähe des Eiffelturms, im Juli 1942. Eine unzählbare Menschenmenge drängt sich auf den Rängen der Arena zusammen, schwitzend, schreiend, herumirrend, teils panisch, teils apathisch vor Hunger und Durst. Unten, in der Mitte des Velodroms, ist ein Rotkreuzzelt aufgebaut, in dem ein Arzt, von zwei Schwestern unterstützt, die Kranken behandelt, Fiebernde, Sterbende, Gebärende. Als ein Trupp Feuerwehrmänner aus Schläuchen Trinkwasser verteilt, gerät die Menge in Bewegung, Becher werden gezückt, Feldflaschen ausgepackt, jeder verlangt seinen Anteil an dem kostbaren Nass.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Dies ist kein Volksvergnügen, es ist ein Szenario des Massenmords. Am 16. und 17. Juli 1942 holt die Pariser Polizei, angeleitet von den deutschen Besatzern, mehr als dreizehntausend jüdische Bewohner der französischen Hauptstadt aus ihren Wohnungen und verfrachtet sie an zentrale Sammelplätze. Siebentausend Männer, Frauen und Kinder zwängt man ins Vélodrome d'Hiver, wo sie fünf Tage ohne Nahrung aushalten müssen. Anschließend werden die Opfer der Razzia auf drei Internierungslager im Norden von Paris und im Département Loiret verteilt. Von dort gehen im Spätsommer die Transporte nach Auschwitz ab. Nur fünfundzwanzig Erwachsene überleben die Todesfabrik, von den Kindern kehrt keins zurück.

          Die „rafle du Vel' d'Hiv“, wie das Ereignis heute im Volksmund heißt, war die größte Polizeiaktion gegen die französischen Juden während des Zweiten Weltkriegs. Heute erinnert eine Gedenktafel auf dem Gelände des 1959 abgerissenen Velodroms an die Opfer der Razzia, aber einen Spielfilm über ihren Leidensweg gab es bisher nicht. In Joseph Loseys „Monsieur Klein“ von 1976, in dem Alain Delon einen Kriegsgewinnler spielt, der durch eine Verwechslung deportiert wird, kommt die Aktion am Rande vor, und auch in Claude Chabrols Dokumentation „Das Auge von Vichy“ wird die „rafle“ erwähnt. Aber es fehlt der visuelle Beleg des Verbrechens, die Rekonstruktion jener Bilder, die in der konspirativen Atmosphäre der deutschen Besetzung nicht gemacht wurden. Deshalb spricht auf den ersten Blick alles für Rose Boschs Film „Die Kinder von Paris“, der im Original schlicht „La rafle“ heißt und die Tragödie des Sommers 1942 nacherzählt.

          Dennoch wurde der Film bei seinem Kinostart in Frankreich allgemein verrissen. Von „Retro-Kitsch“, historischen Fehlern und emotionaler Erpressung des Zuschauers war die Rede; die Regisseurin, schrieb der Kritiker von „Le Monde“, bilde sich ein, sie könne alles zeigen, dabei gebe es geschichtliche Ereignisse, die für den Blick der Kamera undurchdringlich bleiben müssten. Rose Bosch konterte mit der Bemerkung, wer bei „La rafle“ keine Tränen vergieße, sei genauso gefühlskalt wie Hitler. Das französische Kinopublikum seinerseits votierte für den Film: Fast drei Millionen Zuschauer sahen „La rafle“ im vergangenen Jahr.

          In Deutschland kommt „Die Kinder von Paris“ ohne historische Debatte ins Kino. Das macht es leichter, den Film unvoreingenommen zu betrachten, und zugleich schwerer, seine Anspielungen auf die französische Gegenwart zu entziffern. Aber auch mit aktualitätspolitisch unbewaffnetem Auge kann man erkennen, dass Rose Bosch ein seltsames Doppelspiel mit der Erzählperspektive ihres Films treibt.

          Uniformträger mit Sprechpuppensätzen

          Einerseits will sie alles, was passiert, aus dem Blickwinkel ihres elfjährigen Helden Joseph Weismann und seiner Freunde zeigen - das unbequeme, aber erträgliche Leben vor der Razzia, die Familiendramen am Morgen des 16. Juli, die Hölle im Velodrom, die Schikanen im Lager von Beaune-La-Rolande, den Abtransport in die Vernichtung. Andererseits möchte sie auch die „große“ Geschichte ins Bild holen, weshalb SS-Chargen und Pariser Polizeichefs, die Vichy-Politiker Pétain und Laval und sogar Hitler selbst als Uniformträger mit Sprechpuppensätzen auftreten.

          Ähnlich zweideutig ist der Standort der Kamera, die mal von unten und mal von ganz oben, mit dem Auge der Nachwelt sozusagen, das Geschehen betrachtet. Bei Hitler und Pétain wirkt nur das komisch, in den Sequenzen aus dem Vel' d'Hiv dagegen, in denen die Eingesperrten augenblicksweise zur gesichtslosen Masse verschmelzen, erscheint es beinahe obszön.

          Faule ästhetische Kompromisse

          Als Mittlerfigur zwischen der Passion der Opfer und den Erfahrungen der Überlebenden rückt der Film die Krankenschwester Annette Monod (Mélanie Laurent) und den Arzt Dr. Sheinbaum (Jean Reno) neben dem kleinen Joseph ins Zentrum der Handlung. In Wirklichkeit haben sich Weismann, dem die Flucht aus dem Internierungslager gelang, und Monod nicht gekannt, und Dr. Sheinbaum ist eine jener Figuren mit groben Händen und goldenem Herzen, die man als Landärzte aus Vorabendserien kennt. Aber der Film muss sich auf solche faulen ästhetischen Kompromisse einlassen, weil er keinen konsequenten Blick auf seine Geschichte findet, weil er zwischen historischer Rekonstruktion und Ich-Erzählung hin- und herpendelt, ohne in der Tiefe seiner wechselnden Kulissen einen Halt zu finden. So muss der Kitsch die dramaturgischen Lücken stopfen, die die halbherzige Regie nicht füllen kann.

          Vor siebzehn Jahren hat sich Claude Lanzmann anlässlich von „Schindlers Liste“ gegen jede Reinszenierung der Shoah verwahrt. Inzwischen ist das Shoah-Genre im Kino Realität - nur dass sich seine Geschichtenverkäufer weniger an Spielbergs strengem Schwarzweißstil als an den eingängigeren Bildern der Fernsehserie „Holocaust“ orientieren. Wohin das führt, sieht man an den „Kindern von Paris“. Aber der Film war ja ein Erfolg. Auch das ist eine Lektion: über die Wirkung von Kritik.

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