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Video-Filmkritik : Eine Frau ist keine Frau

Bild: Salzgeber

Rodrigo Garcías Film „Albert Nobbs“ liefert der Schauspielerin Glenn Close die Rolle ihres Lebens. Doch die Geschichte des irischen Butlers, der seine weibliche Identität verheimlicht, bleibt blass.

          2 Min.

          Ein gewisses Misstrauen ist immer angebracht, wenn man hört, ein Schauspieler oder eine Schauspielerin spielten in einem Film die Rolle ihres Lebens. Ist nicht das ganze Schauspielerleben eine Folge von großen Rollen (und dazwischen ein paar kleinere, unwichtigere), die alle Lebensrollen sind? Was hat, beispielsweise, die Figur des Butlers Albert Nobbs für die Schauspielerin Glenn Close so faszinierend gemacht, dass sie sich fast drei Jahrzehnte lang mit ihm beschäftigte, bis endlich vor zwei Jahren eine Verfilmung seiner Geschichte entstand?

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Nun, diese Frage beantwortet sich von selbst, wenn man die ersten zwei Minuten von Rodrigo Garcías „Albert Nobbs“ gesehen hat. Denn dieser kleine, rostgraue, zwischen den Sesseln, Tapeten und Blumenvasen eines Dubliner Hotels der spätviktorianischen Zeit wie ein verirrtes Möbelstück herumstehende Mann, den Glenn Close mit prosthetischer Kinn- und Stirnpartie und gehetzten Mausäuglein spielt, ist tatsächlich eine Figur, hinter der alle anderen Rollen einer Filmkarriere verschwinden.

          Warum will das Männlein eine Frau sein?

          Nicht weil er mehr wäre als sie alle. Sondern weil er gar nichts ist. Ein Wesen, das sich abgeschafft hat, das hinter seinem Butler-Sein erlischt, bis es sich buchstäblich auf zwei Zahlen reduzieren lässt: Sechs Quadratmeter Schlafraum, darin, unter einer losen Diele, sechshundert Pfund in bar, die Ersparnisse von dreißig Jahren Butlerleben. Von Anfang an ist man neugierig auf Albert Nobbs.

          Denn es ist klar, eigentlich schon im ersten Augenblick, dass das Männlein eine Frau ist. Die Frage lautet, warum es keine sein will. Eine erste Gelegenheit zur Klärung des Sachverhalts bietet sich, als ein im Hotel tätiger Handwerker in Alberts Bett einquartiert wird, was diesen (wir bleiben aus praktischen Gründen beim „er“) in nackte Panik versetzt, bis er anderntags entdeckt, dass auch der Übernachtungsgast unter seiner Arbeiterkluft einen Busen verbirgt.

          Aber Hubert (Janet McTeer) ist schon vergeben, weshalb der Butler seine Zukunftsträume auf das Zimmermädchen Helen (Mia Wasikowska) projiziert, das jedoch schon mit dem Heizungsmonteur Joe (Aaron Johnson) angebandelt hat. „Albert Nobbs“, nach einem Theaterstück entstanden, das wiederum auf einer Novelle basiert, ist also im Kern ein klassischer Liebesreigen, mit kreuzweise gestrickten Hoffnungen und Enttäuschungen, Schwangerschaften und Prügeleien im Hintertreppenhaus.

          Wenig erzählerische Energie

          Das Problem ist nur, dass Albert Nobbs das alles in sich hineinfrisst. Und mit ihm der Film. Vor lauter Angst nämlich, das hinreißende Spektakel der Selbstauslöschung zu stören, das Glenn Close vor der Kamera zelebriert, hat der Regisseur Rodrigo García alle kräftigeren Akzente der Geschichte unterdrückt – die lesbischen Obertöne, die zwischen Albert und Hubert anklingen könnten, ebenso wie die sadomasochistischen Untertöne in der Beziehung zwischen dem Butler und dem Zimmermädchen.

          Nur einmal, als der inzwischen verwitwete Hubert und der ausnahmsweise jovial aufgelegte Mr. Nobbs in Frauenkleidern am Strand entlanglaufen, wird etwas von den erzählerischen Energien sichtbar, die in dem Stoff stecken. Aber schon nach ein paar Hüpfern fällt der ungelenke Albert auf die Nase. Es ist, als wollte der Film zeigen, was er uns erspart, indem er die Tragödie zum Kammerspiel herunterdimmt. Aber darum geht es doch im Kino: dass das Licht alles, was da ist, zum Vorschein bringt.

          „Albert Nobbs“ ist, wenn man nur auf die Namen schaut, ein Film aus bester Familie. István Szabó, der ursprünglich auch Regie führen sollte, schrieb die Story, der irische Autor John Banville verfasste zusammen mit Glenn Close das Drehbuch. Und Rodrigo García ist der Sohn von Gabriel García Márquez. Wenn großes Kino eine Frage der Abstammung wäre, hätte hier ein Meisterwerk entstehen müssen. So kann man sich mit der Aussicht trösten, dass Glenn Close ihre Traumrolle jetzt hinter sich hat, wie Nicole Kidman mit falscher Nase in „The Hours“. Das Spiel geht weiter.

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