https://www.faz.net/-gs6-78fth

Video-Filmkritik: „Eine Dame in Paris“ : Boshaft, hilflos, umwerfend

Bild: F.A.Z., Arsenal Filmverleih

Altern in Würde und mit Erotik: Wer könnte uns das im Kino besser vorführen als die unwiderstehliche Jeanne Moreau? In Ilmar Raags Debütfilm spielt sie eine Estin in Paris.

          Am Anfang denkt man, dies wird ein düsterer Thriller, derart bedrohlich sieht es aus, wenn Anne (Laine Mägi) bei Dunkelheit und leichtem Schneetreiben allein eine verlassene Straße entlangläuft und einen betrunkenen Mann mit gewaltigem Körperbau passiert, der dann ihre Spur aufnimmt, während sie ihre Schritte beschleunigt. Doch dieser Augenblick löst sich schnell zu einer familiären Situation, und der Film wechselt den Ton. Annes Mutter stirbt. Was wird die etwa Fünfzigjährige nun tun?

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Sie geht nach Paris. Das ist, zumindest im Kino, immer eine gute Idee. Der Anfang spielte in Estland, Annes Heimat, und um eine Estin, die alt ist und allein in der französischen Hauptstadt, soll Anne sich nun kümmern. Sie weiß, wie das geht; sie weiß nicht, dass die Frau, der sie zu Diensten sein soll, sie nicht will, ihre Hilfe nicht will, überhaupt nur noch wenig will, nämlich vor allem: die Aufmerksamkeit von ganz Paris, die sie einst hatte, oder zumindest die ihres verflossenen Liebhabers, der Anne engagiert hat, ein bisschen auch, um die alte Frau loszuwerden.

          Jeanne Moreau spielt diese Frau, die Frida heißt, eine geräumige Altbauwohnung bewohnt und überaus zickig ist. Und Jeanne Moreau ist der einzige, allerdings ein starker Grund, diesen Film zu sehen. Gedreht hat ihn Ilmar Raag, der aus Estland stammt und hier einen Teil seiner eigenen Familiengeschichte verarbeitet. Es ist sein erster Kinofilm, und dass die Moreau gesagt hat, sie mache mit, ist ein unschätzbarer Gewinn.

          Mit knarzigem Charme

          Denn Raags Drehbuch ist fahrig, unentschlossen, fast mutlos. Und gleichzeitig weitgehend vorhersehbar - wie Frida erst einmal Anne demütigt und sie mit ihrem Bemühen auflaufen lässt, der alten Dame eine Freude zu machen, mit estländischer Küche etwa. Und wie sich dann langsam eine Beziehung zwischen den beiden bildet, die ihren Ausdruck sowohl in Annes verändertem, attraktiverem Äußeren - Paris! - findet als auch in Fridas erstem Spaziergang seit Monaten. Dass Paris dann Anne auch noch ein erotisches Abenteuer spendiert, wer hätte das gedacht!

          Jeanne Moreau aber ist hinreißend in ihrer Knarzigkeit, ihrem Charme, den sie mit dem Zucken eines Augenwinkels anbringen kann, umwerfend in ihrer Boshaftigkeit, hinter der eine Hilflosigkeit Fridas dem Alter gegenüber aufscheint, aber eben nur dies: aufscheint, wie ein Prospekt, vor dem das alles spielt. Denn darum geht es natürlich vor allem: ums Altwerden. Jeanne Moreau zeigt uns, wie das gehen kann.

          Weitere Themen

          Kinderblicke auf Nazis

          Filmfest in Toronto : Kinderblicke auf Nazis

          Es war ein ersehnter Höhepunkt beim Filmfest in Toronto: Taika Waititis „Jojo Rabbit“ macht Hitler zum Mitwirkenden einer Komödie über die Schoa.

          Topmeldungen

          F.A.Z.-Serie Schneller schlau : Wem gehört der Wald?

          Wenige Tage vor der Sitzung des Klimakabinetts in Berlin läuft die Diskussion darüber heiß, wie noch mehr CO2 in der Atmosphäre verhindert werden kann. Ein Teil der Lösung wird im Wald liegen. Wer profitiert davon?
          Oktober 2018: Polizisten drängen mehrere Demonstranten gegen den Landesparteitag der AfD Niedersachsen in Oldenburg ab (Symbolbild)

          Opferbefragung : Studie: Deutlich mehr Fälle von Polizeigewalt

          Bei Demonstrationen und Fußballspielen kommt es offenbar besonders oft zu Eskalationen: Eine Studie der Universität Bochum legt nahe, dass Polizisten deutlich häufiger als bisher gedacht ungerechtfertigte Gewalt anwenden.
          Supercomputer Summit von IBM

          KI statt Simulation : Den Superrechnern geht die Luft aus

          Die Leistung von Supercomputern wächst kaum noch. Der Grund ist die fatale Fokussierung auf Künstliche Intelligenz. Numerische Verfahren gelten als „unsexy“.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.