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Video-Filmkritik : Ein Muster an Einfachheit: „Tuyas Hochzeit“

Bild: Arsenal

Bei der Berlinale im Februar hat der chinesische Film „Tuyas Hochzeit“ überraschend den Goldenen Bären gewonnen. Nicht zu Unrecht: Der Film besticht durch die Schönheit der Bilder und seine großartige Hauptdarstellerin.

          Dieser Film ist ein Muster an Einfachheit. Wie aus einem Baukasten setzt er seine Anfangsbilder zusammen: die mongolische Steppe, eine Schafherde, eine Reiterin auf einem Kamel. Das ist Tuya, die ihre Tiere nach Hause treibt. Dann sieht man die Landstraße, darauf ein zusammengebrochenes Motorrad, daneben den Fahrer. Er ist sturzbetrunken, nah am Delirium. Tuya lädt ihn auf ihren Sattel und nimmt ihn mit in ihre Jurte, wo sie ihm die Brust massiert und ihn mit einer Whisky-Dusche wieder zum Leben erweckt. Eine Szene ehelicher Fürsorge, könnte man meinen. Aber Senge ist nicht Tuyas Ehemann, sondern ihr Nachbar.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Ganz so einfach ist der Film also doch nicht. Seine Schlichtheit wirkt wie eine Maske, hinter der sich komplizierte Wahrheiten verbergen. Tuya ist mit dem deutlich älteren Bater verheiratet, dessen Beine nach einem Unfall beim Brunnengraben in der Steppe gelähmt sind. Er kann seine Frau und die zwei Kinder nicht mehr ernähren, aber auch Tuya fällt als Arbeitskraft aus, als sie beim Heuaufladen zusammenbricht und ein Bandscheibenschaden diagnostiziert wird. Die beiden gehen in die nächste Stadt und lassen sich scheiden. Bald spricht sich herum, dass Tuya wieder zu haben ist. Es gibt nur ein Problem: Von jedem Hochzeitskandidaten verlangt die frisch Geschiedene, dass er ihren Ex-Ehemann mitversorgt. Denn Tuya hängt an Bater, sie sucht keine neue Liebe, sondern eine Vernunftheirat, ein Arrangement.

          Rasante Versteppung

          „Tuyas Ehe“ ist einer jener Filme, die überall spielen könnten, wo eine traditionelle, in Jahrhunderten gewachsene Kultur durch Einflüsse von außen zersetzt wird, in den vielen Übergangszonen, in denen die Welt von gestern auf die technische Zivilisation von morgen trifft. In diesem Fall ist es die rasante Versteppung des mongolischen Weidelandes, die den Rahmen für die Geschichte setzt. Die Austrocknung des Bodens zwingt die Bewohner, immer aufwendiger nach Wasser für ihre Tiere zu graben, sie sorgt für eine Auslese, die ebenso grausam wie endgültig ist. Wer keinen Brunnen gräbt, geht in die Stadt. Tuya aber will bleiben, und dafür braucht sie einen Mann.

          Ihr Besitz ist immer noch groß genug, um Bewerber selbst von weit her anzulocken, etwa jenen ehemaligen Mitschüler, der im chinesischen Ölgeschäft sein Geld gemacht hat und sich nun nach den urtümlichen Genüssen des mongolischen Lebens zurücksehnt. Diesem Baolier, einer Mischung aus Belmondo und Dschingis Khan, gelingt es beinahe, Tuyas Prinzipientreue zu erschüttern: Nach langem Zögern willigt sie ein, ihren Ex-Mann in einem Pflegeheim in der Stadt unterzubringen. Doch dann unternimmt der alte Bater einen Selbstmordversuch, und mit der Geldheirat ist es aus. Senge, der Nachbar, hat Bater vor dem Verbluten gerettet, und Senge ist es auch, der vor Tuyas Haus einen Brunnen graben wird, mit Dynamitstangen und unter Einsatz seines Lebens. Man sieht, wohin die Story läuft, und läuft gerne mit.

          Kunstvoll-ungekünstelte Schönheit

          Auf den Berliner Filmfestspielen im Februar hat „Tuyas Hochzeit“ überraschend den Goldenen Bären gewonnen, in einem Wettbewerb, der mit Kostümfilmen, politischen Korrektheiten und angestrengten Parabeln gespickt war. Zwei Dinge sprechen für diesen Film: die einfache, kunstvoll-ungekünstelte Schönheit der Bilder, die der deutsche Kameramann Lutz Reitemeier aufgenommen hat, und die Hauptdarstellerin Yu Nan. Wang Quan'an, der Regisseur, hat schon in seinem vorigen Film „Jing zhe“ bewiesen, dass er mit Laiendarstellern umgehen und vom Landleben in China erzählen kann, ohne die allgegenwärtige Armut zu romantisieren, und auch diesmal löst er das Geschehen in knappe und treffende Szenen auf, die vieles andeuten, ohne allzuviel auszusprechen.

          Aber es ist vor allem die knapp dreißigjährige Yu Nan, die mit ihrem Gesicht und ihrer Gestik die Geschichte trägt. Denn eigentlich hat Tuya von Anfang an keine Wahl, sie muss unter die Haube, ob sie will oder nicht. Dabei zuzusehen, wie sich ihr Widerstand unter dem Druck der Verhältnisse in wilden Trotz verwandelt, wie sie einknickt und wieder aufbegehrt und sich schließlich auf listige Weise ins Unvermeidliche fügt, ist das eigentliche Spektakel dieses Films. Man denkt an Gong Li vor fünfzehn Jahren in „Die Geschichte der Qiu Ju“, wenn man Yu Nan sieht; und so wie Gong Li von China aus den internationalen Markt erobert hat, könnte es auch ihrer Nachfolgerin gelingen. Inzwischen hat Yu Nan mit Dolph Lundgren einen Actionfilm und mit den Wachowski-Brüdern die Comic-Verfilmung „Speed Racer“ gedreht. Die Globalisierung, man sieht es, macht eben nirgendwo halt.

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