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Video-Filmkritik : Ein falscher Filmklassiker: „Angel“

Bild: Concorde

Mit „Acht Frauen“ schien der Regisseur François Ozon die Lücke, die durch Truffauts Tod entstanden war, gefüllt zu haben. Für seinen neuen Film „Angel“ greift er nun ins volle Menschenleben - und in die Kostümkiste.

          Es ist ja wahr, leider: Die Nouvelle Vague ist tot. Truffaut, Bresson und Louis Malle sind längst nicht mehr unter uns, von Godard wird wohl nicht mehr viel kommen - seine letzten Filme, „Notre musique“ und „Eloge de l'amour“, wurden in Deutschland gar nicht verliehen -, Rohmer hat sich seit „Die Lady und der Herzog“ endgültig dem Kostümfilm zugewandt, Rivette spielt einsam seine komplizierten Bilderspiele, und Chabrol macht, was er immer gemacht hat: böses, virtuoses, von allen Moden und Wellen losgelöstes Krimi-Kino für Erwachsene.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Wer aber vertritt den jungen französischen Film, so wie, beispielsweise, Tom Tykwer, Fatih Akin, Wolfgang Becker und der unvermeidliche Florian Henckel von Donnersmarck das junge deutsche Kino vertreten? Auf den ersten Blick: niemand. Olivier Assayas etwa wird von den Kritikern viel gelobt, aber den Flop mit „Demonlover“ hat er noch nicht verkraftet; sein jüngster Film „Clean“ wirkt abgeklärt, müde, klassisch und kühl. Jean-Pierre Jeunet hätte nach „Amélie“ alles machen können, ist aber mit „Mathilde“ auf den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs versackt. Xavier Beauvois („Le petit lieutenant“) und Dominik Moll („Lemming“) drehen schöne Filme, nur sind sie außerhalb Frankreichs kaum bekannt. Und der Belgier Lucas Belvaux hat mit seiner „Trilogie“ vor fünf Jahren das Staunen der Welt geweckt, sich anschließend jedoch wieder auf seine frühere Karriere als Schauspieler zurückgezogen.

          Er kam gewaltig

          Bleibt François Ozon. Ozon, 1967 geboren und an der Pariser Filmhochschule Fémis ausgebildet, hat sich Zeit gelassen und nicht weniger als fünfzehn Kurzfilme gedreht, bevor er dreißigjährig mit „Regarde la mer“ als Spielfilmregisseur debütierte. Dann aber kam er gewaltig: „Sitcom“, „Les amants criminels“, die Fassbinder-Hommage „Tropfen auf heiße Steine“ und Charlotte Ramplings Seelen-Solo „Unter dem Sand“, das alles entstand innerhalb von vier Jahren. Als Ozon 2002 sein Krimi-Musical „Acht Frauen“ drehte, konnte er auf die erste Garde französischer Schauspielerinnen zurückgreifen: Fanny Ardant, Isabelle Huppert, Danielle Darrieux, Emmanuelle Béart, Ludivine Sagnier, Virginie Ledoyen . . . Seit Truffauts „Amerikanischer Nacht“ hatte es in einem französischen Film keine derartige Versammlung von Stars mehr gegeben. Durch den faszinierten Blick, den Ozon auf seine acht Frauen warf, die Freiheit, die er ihnen vor der Kamera ließ, und den Erfolg, den er beim Publikum hatte, schien die Lücke, die durch Truffauts Tod entstanden war, gefüllt.

          Und nun versucht es Ozon mit „Angel“ ein zweites Mal. Nicht, dass er seit „Acht Frauen“ untätig geblieben wäre; aber „Swimming Pool“, „5 x 2“ und „Die Zeit, die bleibt“ waren doch eine ganz andere Art Kino, mordlustig-verspielt der eine, bittersüß und retrospektiv die beiden anderen, eine Trilogie der Abschiede, vom Schreiben, von der Liebe, vom Dasein insgesamt. „Angel“ ist dagegen wieder ein Griff ins volle Menschenleben - und in die Kostümkiste, von der die Nouvelle Vague das französische Kino in den sechziger Jahren erlösen wollte. Aber Produzenten lieben Kostüme, weil sie sich leichter beherrschen lassen als launische Stars und störrische Regisseure, und so hat alles nichts genützt.

          Verklemmt, plüschig und unecht

          Es geht um eine Frau, Angel Deverell, die Bücher schreibt - schlechte, kitschige, oberflächliche Bücher - und damit Erfolg hat. Und um die Zeit, in der die Schriftstellerin Angel lebt: die Jahre vor 1914, die Spätblüte des Viktorianismus, eine verklemmte, plüschige und unechte Zeit. In dem Roman der britischen Autorin Elizabeth Taylor (1912 bis 1975) gehen diese beiden, die Kitschdichterin und die Plüsch-Epoche, aufeinander los, und es gibt einen lauten, hysterischen, zweihundertfünfzig Seiten langen Knall. François Ozon hat das Buch, wie er sagt, vor fünf Jahren gelesen und sofort gemerkt, „dass es ein großartiger Stoff für einen melodramatischen Film im Stil der dreißiger oder vierziger Jahre sein könnte“. Warum?

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