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Video-Filmkritik : Echt spanisch: „Amador und Marcelas Rosen“

  • -Aktualisiert am

Bild: Alamode

Fernando Léon de Aranoas stellt in seinem Drama die Weltordnung auf den Kopf. Das Leben triumphiert über die Moral und Rosenspray überdeckt Leichengeruch. Das ist düster und komisch zugleich.

          2 Min.

          Es müsste schon mit dem Teufel zugehen, wenn in einem herausragenden spanischen Film die Ordnung des Lebens nicht auf den Kopf gestellt würde. Selbst die Toten sind vor der Lust zur Anarchie kaum mehr sicher, wenn der Autor gegen die Windmühlen anrennt. „Dieser Film könnte, trotz seiner dunklen Momente, der heiterste sein, den ich bisher gedreht habe“, verspricht Fernando Léon de Aranoa, der schon mit seinem Arbeitslosendrama „Montags in der Sonne“ nach Überlebenschancen derer Ausschau hielt, auf die es scheinbar nicht ankommt.

          Das symbolische Puzzle

          Seine neue Hauptperson, die hispanische Zuwanderin Marcela (Claudia Llosas peruanische Entdeckung Magaly Solier), hat eine spezielle, aber leichte Arbeit gefunden: die vorerst unbefristete Pflege eines alten Mannes, dessen Tochter und deren Mann mit dem Bau eines Hauses schon genug Sorgen am Hals haben.

          Anfangs geht alles gut: Der an sein Bett gefesselte Amador (Celso Bugallo in einer bescheidenen Glanzrolle) sieht auch kaum von seinem Puzzle auf, einem großen Wolkenbild, dessen symbolische Bedeutung erst später klar wird. Nach einiger Zeit lädt er die schüchterne, schwangere Peruanerin zur Unterhaltung ein und redet ihr sogar den Gedanken an eine Abtreibung aus.

          Rosenspray gegen den Leichengeruch

          Doch eines Morgens hält Amador ein Teilchen des unfertigen Puzzles in der leblosen Hand. Nun könnte der Film das Lied der verlorenen Hoffnungen singen. Mit Amadors unerwartet schnellem Ableben müssten, wenn es mit rechten Dingen zuginge, Marcelas mit so wenig Mühe verbundenen Einkünfte aufhören. Aber es kommt anders. Ein Ventilator, unzählige Rosen, die aus dem Kühlschrank von Marcelas nicht mehr sonderlich geliebtem Freund stammen, und viele Dosen Duftspray vertreiben den Leichengeruch.

          Der Zuschauer erwartet nichts anderes als den Zugriff der Polizei, die die Betrügerin vermutlich gleich in Abschiebehaft nehmen würde. Aber warum sollte es so kommen, wenn ein Toter den Lebenden nützlich sein kann: Die Pflegekraft bekommt ihr Geld, weil die Erben, die längst im Bilde waren, von der Rente des Vaters noch eine Weile für ihren Hausbau profitieren wollten. Der einzige Verlierer ist die spanische Rentenkasse.

          Der Priester schweigt

          Das ist nicht nur starker Tobak, sondern vor allem ein kleines Lehrstück, das dieses Mal nicht aus Griechenland kommt. Zuvorderst ist die Kunst zu bewundern, wie man eine Leiche einen Monat lang durch den heißen Madrider Sommer bringen, einen argwöhnisch schnuppernden Nachbarn beruhigen und am Ende die Leiche so schminken kann, dass sie noch ganz manierlich aussieht. Aber was sagt das Gewissen zu all dem Schwindel?

          Es sagt nichts, wie auch der Priester schweigt, den Marcela zu Rate zieht, allerdings ohne ihn völlig in die Sachlage einweihen zu können. Oder es würde den Menschen so beschweren, dass er in die Erde versinken müsste. „Warum“, stellt einmal der alte Mann, der sich vor dem Tod nicht zu fürchten scheint, seine Pflegerin vor die rätselhafte Frage, „hat Gott die Wolken geschaffen?“ „Aus Scham über die Welt oder über sein eigenes Tun“, so antwortet er selbst theologisch gewiss unkorrekt, was dem Film wie ein Wort zum Werktag anhängt.

          Die Vorgeschichte spielt keine Rolle

          Zum Glück hat Léon de Aranoa darauf verzichtet, den Figuren Geschichten anzudichten. Gute Komödien brauchen Spielfiguren, die sich samt ihres Eigensinns hierhin und dahin setzen lassen. Amador liegt ohne Klage auf seinem Lager, und man weiß rein gar nichts über sein Leben. Muss man auch nicht, genauso wie Marcelas Vorgeschichte wenig interessiert. Höchstens das befreite Aufatmen am Ende, wenn alles noch einmal gutgegangen ist und sie, um eine Erkenntnis reicher, in den Bus steigt. Sie und die anderen spielen ein Stück vom täglichen Welttheater vor, in dem das Leben sich zuweilen über die Moral hinwegsetzen muss.

          Ein göttlicher Konstruktionsfehler? Der wunderbaren Magaly Solier, dem würdevollen Celso Bugallo, ihren Kompagnons und dem Regisseur, der dies alles erdacht hat, sei gedankt, dass sich hier der Spaß mit dem Denken verbinden kann.

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