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Video-Filmkritik : Doppelzüngig: „Duplicity“ mit Julia Roberts

Bild: Universal Pictures

Sie küssen und sie täuschen sich: „Duplicity“ verwickelt Julia Roberts und Clive Owen in einen Agententhriller und eine romantische Liebeskomödie zugleich. Das Knistern zwischen den Hauptdarstellern muss über manche Undurchsichtigkeit der Handlung hinweghelfen.

          3 Min.

          Ein Rollfeld im Regen, zwei Firmenjets, zwei Konzernbosse, flankiert von ihren leitenden Angestellten. Kein Schauplatz für einen Slapstick, auch nicht für einen Showdown. Normalerweise. Doch was dann in Superzeitlupe geschieht, wenn beide Gruppen die Schlachtordnung zweier Football-Teams einnehmen, wenn die beiden Chefs aufeinander losgehen, wenn kein Wort gewechselt wird und nur Musik zu hören ist, das gehört zu den amüsantesten Eröffnungssequenzen der letzten Zeit. Der Kalte Krieg mag ja längst vorbei sein, aber wenn es um die Vorherrschaft auf dem Markt für Lotionen, Seifen, Shampoos oder Bohnerwachs geht, lebt er zwischen verfeindeten Konzernblöcken noch einmal auf - natürlich als Farce.

          Peter Körte
          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Tony Gilroy, der mit „Michael Clayton“ als Regisseur debütierte und die Drehbücher zur Jason-Bourne-Trilogie geschrieben hat, hat sich diesen Auftakt und natürlich auch den Rest der Geschichte ausgedacht. In seinen Drehbüchern steckt ein Maß an Sophistication, das einen beim Zuschauen auf Trab hält, in seiner Selbstverliebtheit aber nie ganz ungefährlich ist - den alliterierenden Kalauer „Gemeinsame Geheimsache“ als deutschen Titelzusatz zu „Duplicity“ hat er deshalb trotzdem nicht verdient. Der Film ist in der Tat doppelzüngig und doppelbödig. Ist es ein Spionagethriller, der eine romantische Komödie enthält, oder verhält es sich umgekehrt, weil die beiden Protagonisten Spione sind? Wer will wen über was täuschen?

          Der Funke springt über

          Dass man in dieser Konstellation nicht den Überblick verliert, das liegt an den beiden Hauptdarstellern. In „Hautnah“ (2004) sprühte kein Funke zwischen Clive Owen und Julia Roberts, da war keine Spannung, keiner dieser berühmten Momente, an die man sich noch nach Jahren erinnert. Jetzt ist alles anders, vom ersten Moment an, als sich Claire und Ray auf einer Gartenparty der amerikanischen Botschaft in Dubai treffen. Es knistert, umso mehr, als sie beide das Gegenteil von dem behaupten, was ihre Gestik und Mimik sagen. Aber weil sie CIA-Agentin ist und er für den britischen MI6 arbeitet, verbirgt sich hinter dem Flirt eine weitere Agenda.

          Fünf Jahre später haben sie den Regierungsdienst quittiert und spionieren für die beiden Konzerne, deren Bosse (Paul Giamatti und Tom Wilkinson, beide ganz großartig) sich im Vorspann prügelten - wobei Claire ein „Maulwurf“ ist, also für dieselbe Firma arbeitet wie Ray, was aber nicht bedeutet, dass sie nun die Masken abgelegt hätten.

          Aus dem Gleichgewicht

          Gilroy hat die Chronologie der Handlung aufgesplittert. In den Rückblenden sieht man, wie die beiden sich immer wieder treffen, in Rom, in London, auf den Bahamas, in Miami oder Cleveland, während in der Gegenwart die Jagd auf das neue Produkt der feindlichen Firma weitergeht. Sie spielen ihr Spiel, mit einem Standarddialog, in dem Claire vorgibt, sich nicht mehr an Ray erinnern zu können, wogegen Ray einräumt, sich nur schwach an Namen und Gesichter, aber sehr gut an Frauen erinnern zu können, mit denen er geschlafen hat. Was, einerseits, ein Rollenspiel und andererseits die Wahrheit ist, weil beider erste Nacht in Dubai damit endete, dass sie ihn sedierte und Geheimdokumente aus seiner Aktentasche stahl.

          Diese Rückblenden allerdings sind weniger eine zwingende Funktion des Plots; sie sind nur dazu da, um den Raum für die romantische Komödie zu schaffen, was amerikanische Kritiker dazu verführt hat, den Film mit den Screwball-Comedies der dreißiger Jahre zu vergleichen. Das ist ein bisschen hoch gegriffen, weil Gilroy doch ziemlich angestrengt simuliert, es ginge auch um beinharte wirtschaftliche Interessen, wogegen man früher mit einem weit luftigeren Nichts von einem Anlass auskam. Spionage- und Komödiengenre müssen einander stützen, weil keines auf eigenen Füßen stehen kann, was dazu führt, dass der Film bisweilen das Gleichgewicht nicht halten kann und ohne seine beiden Hauptdarsteller böse gestrauchelt wäre.

          Miteinander rechnen

          „Duplicity“ ist im Übrigen auch ein Film, an dem der verstorbene Systemtheoretiker Niklas Luhmann seine Freude gehabt hätte, weil seine Theorie menschlichen Handelns hier auf so charmante Weise bewiesen wird. Denn wir haben alle nicht nur Erwartungen, sondern auch Erwartungserwartungen, wir rechnen mit einem bestimmten Verhalten, weil wir wissen, dass auch unser Gegenüber mit einem bestimmten Verhalten rechnet. Aus diesem tendenziell unüberschaubaren Netz reziproker Erwartungshaltungen ergeben sich soziale Strukturen und Normen oder auch: Erwartungssicherheit. Selbst dann, wenn zwei einander nicht über den Weg trauen wie Claire und Ray, wenn sie damit rechnen, dass der andere nicht tut, was er sagt, entsteht so etwas wie Erwartungssicherheit, weil Betrüger damit rechnen dürfen, dass betrogen wird. Claire und Ray vertrauen darauf - und deshalb können sie sich auch ineinander verlieben, weil die wechselseitig verschleierten Absichten ihr Gegenteil hervorbringen: Transparenz und die Gewissheit, einander besser zu verstehen, als das jemand anders könnte.

          Wohin das führt, was aus all den kleinen Scharaden und komplizierten Täuschungsmanövern wird, wenn sie mit Erwartungen kollidieren, die auf ein ehrliches Geschäft vertrauen, das hätte Luhmann auch gefallen - denn bei aller Leichtigkeit und allem parodistischen Elan ist „Duplicity“ dann doch ein ziemlich affirmativer Film geworden.

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