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Video-Filmkritik „Disconnect“ : Der Teilnehmer ist im Moment nicht erreichbar

Bild: Weltkino

Gegen die Lüge von der digitalen Freiheit: Mit „Disconnect“ erreicht die politische Kritik an der Internet-Ideologie das Hollywood-Kino. Der Film zeigt, wie der Verbindungswahn das Gemeinwesen belastet.

          5 Min.

          Ein Mann hält seinen kleinen Sohn hoch, küsst ihn. Das Bild zittert ganz sacht, es ist ein Familienvideo. Wir sehen das Windows-Layout der Laptop-Benutzeroberfläche, dann das Gesicht der Mutter, die dieses Kind verloren hat, weil es gestorben ist. Auch den Mann hat sie verloren – er lebt noch bei ihr, aber weil er über das tote Kind nicht reden kann, ist die Ehe ausgebrannt. Die Frau schaltet vom Erinnerungsvideo zum Einstiegsfenster eines Chatrooms, wo sie mit anderen Überlebenden privater Tragödien ihre Trauer bespricht. Als der Chat beginnt, steht die Schrift direkt neben ihr im Bild. Das macht dieser Film öfter: Textnachrichten sind hier keine Ergänzungen, keine Comic-Kästen, keine Kommentare oder Fußnoten, sondern Bestandteile dessen, was die Figuren empfinden oder erleben – nicht wie Lesen und Schreiben sonst, sondern wie Atmen und Denken.

          Dietmar Dath
          (dda.), Feuilleton

          Ein Junge verschiebt am Rechner digitale Tonklötze in einem Musikprogramm und komponiert so eine simple Kindermelodie. Sie wird ein Requiem auf ihn selbst werden, aber das weiß er noch nicht. Als das Stück fertig ist, stellt er es ins Netz und wartet auf Kritik, Lob, Resonanz.

          Eine junge Frau erzählt drei Freundinnen in der Schulkantine von einer Katastrophe aus ihrem Familienleben. Die Mitschülerin links von ihr hält den Blick gesenkt, man könnte meinen, aus Betroffenheit. Dann summt ihr Handy, auf das sie geschaut hat, und sie unterbricht die Beichte der Nachbarin mit der Nachricht von einer Party-Einladung. Die andere, die sich aussprechen wollte, sieht sie entgeistert an, spuckt ihr ins Gesicht und geht – eine der besten Szenen in einem Film, dessen zweite Hälfte nahezu ausnahmslos aus starken, anschlagartig einprägsam aufgerissenen Szenen besteht.

          Im Malstrom der Informationen

          Die Menschen in Henry Alex Rubins „Disconnect“ wollen, hoffen und fürchten, was man heute so will, hofft und fürchtet: Sie wollen Gehör und Aufmerksamkeit, dass jemand sie liebt, dass ihre Familien nach innen zusammenhalten und nach außen Wohlstand und soziale Beweglichkeit zeigen. Sie fürchten wirtschaftlichen Abstieg, Vereinsamung, Lächerlichkeit und die Entwertung ihrer Kenntnisse und Fähigkeiten durch bis zum Drehschwindel beschleunigte Verwertungskreisläufe – ist das, was ich als Journalistin, Ermittler, Mutter oder Anwalt kann, morgen noch hinreichend für den Arbeitsmarkt? Hoffnungen und Ängste von Menschen, die über mehr Schnittstellen mit dem großen Ganzen verbunden sind als jede Generation vorher, sind für sich genommen, als Tatsachen ihrer Innenwelten, ohne Gewicht – irgendwas bewegt ja alle. Werden solche Regungen aber von digitalen, mobilen Kommunikationsmitteln in messbare Daten umgewandelt, zu Wirtschafts- und Verwaltungszwecken, dann beschleunigt der Informationsstrom, der sie mitreißt, jede von ihnen zum tödlichen Projektil. Die kleinste Fehleinschätzung oder Unbedachtsamkeit durchschlägt ethische Firewalls, emotionale Trennwände, juristische Dämme und bringt Biographien zum Einsturz.

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